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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-19 · Heft 4 (19.1.1846) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 4 (19.1.1846)
Date
1846-01-19
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 Magdeburg, 12. Januar. (Privatmitth.) Der Herr Lehrer Ems in Odenkirchen im Regierungsbezirk Düsseldorf sendet uns einen Bericht, wie der Missionär Pastor Kall hoff nach diesem Orte gekommen, von ihm bei einem Besuche freundlich ausgenommen sei, dann aber in einer Bibelstunde öffentlich ausgesprochen habe, „daß die Juden seit mehr als anderthalb Jahrtausenden in Schmach, verhaßt, verfolgt, in materiellen Interessen begriffen, ohne Gott und ohne Hoffnung lebten." Herr Ems empört über diese Blasphemie, fordert uns auf, dies zu veröffentlichen, damit die Juden dem Herrn K. den Zutritt nicht weiter gestatten, und zugleich, die Unwahrheit dieser Aeußerung an den Tag zu legen. Wir gestehen, daß, sollten wir jede Aeußerung der Herren Missionäre widerlegen, dies uns eine große, wol unüberwindliche Last werden würde, noch dazu, da diese Herren, zehnmal widerlegt, das eilfte Mal dasselbe Zeug schwatzten. Die Aeußerung des Herrn K. verdient aber um so weniger weitläufige Erörterung, da sie offenbar ohne Sinn und Verstand ist, und mit dem Begriffe, den das Judenthum vom allbarmherzigen Gotte giebt, und der keinem Menschen die „Hoffnung" abspricht, gar nichts gemein hat. Nur die eine Bemerkung dem Missionär: der jüdische Stamm tragt die Schmach und den Druck gehässiger Völker und Menschen mehr als anderthalb Jahrtausende um — den einigen Gott, den er bekennt und anbetet. Um nichts Anderes: denn wollten wir diesen verleugnen, so wäre mit einem Male Schmach und Druck geschwunden. (Und dieser Stamm wäre ohne Gott?) Der jüdische Stamm trägt diesen Druck in der Hoffnung, daß die Sonne der Wahrheit, wie sie ihm leuchtet, allen Völkern der Erde aufgehen werde. (Und dieser Stamm wäre ohne Hoffnung?) Ob der wohlbesoldete Missionär seine Mühen — von Druck nicht zu sprechen — auch bloß um seinen Gott trägt, sei dahin gestellt. Ob die Juden mehr von materiellen Interessen befangen seien, als ihre anderen Erdenbrüder — darüber giebt der erste Blick in's Leben Aufschluß. Rußland. Indem wir der traurigen Psticht genügen, alles Bedeutsame über die immer unzweideutiger hervortretenden Zwecke Rußlands zu sammeln, bietet sich uns neuerdings Folgendes dar: In dem sehr umfangreichen neuen Gesetze über den Annenorden ist unter Anderm ausgesprochen, daß auf diese Dekoration Anspruch habe, wer wenigstens 100 Nichtchristen oder Mitglieder „gefährlicher Sekten" zur herrschenden Kirche bekehre. Nach dem Befehle des Kaisers wird die schon früher in Rußland getroffene Anordnung wegen der jüdischen Kleidung vom 1. Januar k. I. an auch auf Polen ausgedehnt. Nach einem desfalls bekanntgemachten Auszuge aus dem Protokoll des Administrationsrathes vom 18. November ist verordnet, daß vom 1. Dezember 1850 an keinem Juden erlaubt sein solle, sich durch irgend ein besonderes Kleidungsstück auszuzeichnen, und daß sie dann ohne Ausnahme den gewöhnlichen Anzug der anderen Einwohner oder die russische Nationalbekleidung annehmen sollen. Die D. A. Z. schreibt aus Königsberg vom 29. Dezember: „Aus Rußland gehen uns die traurigsten Nachrichten in Betreff aller der Unterthanen ein, die nicht zum alleinseligmachenden Glauben der griechisch-katholischen Kirche gehören. Alle Maßregeln der russischen Regierung zielen darauf hin, das ganze unermeßliche Reich in den Schoos der griechischen Staatskirche zu führen. Sehr schwer hält es, daselbst zur protestantischen oder römisch-katholischen Glaubensgenosscnschaft überzutreten, da beide Kirchen nicht minder als die jüdische unter dem unerträglichsten Drucke leben. Daß die Letztere in neuester Zeit durch die härtesten Verfolgungen, wie sie schwerlich im Mittelalter besser erfunden werden konnten, so vielfach zu leiden hat, nimmt uns weniger Wunder, da auch zivilisirtere Staaten sie noch immer so stiefmütterlich zu behandeln pflegen, die doch sich fortwährend auf den angeborenen Adel der Menschenrechte und das unveräußerliche Gut von Glaubens- und Gewissensfreiheit berufen und für sich selbst beide jeden Augenblick in Anspruch nehmen. Daß aber christliche edle Fürsten, daß das so hochgebildete Deutschland, daß das ganze intelligente und zivilisirte Europa sich nicht überhaupt mehr in gerechter Entrüstung über das unselige Russisizirungssystem erheben, das so viel Elend und rafsinirtes Unglück über eigne christliche Glaubensgenossen bringt und täglich mehr bringen wird, wenn der Weheruf der trauernden Menschheit eines unermeßlichen Reichs un-

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