Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1846)
- Date
- 1846-01-19
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225448--07474-3238233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 hier aber allerdings noch mancherlei Fragen, die wir im Folgenden erörtern wollen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Preußen. Berlin, 12. Januar. (Privatmitth.) Die Reformgenossenschaft hat auf ein Gesuch an die Ministerien des Innern und der geistlichen Angelegenheiten ahne Weiteres die Erlaubniß zur Abhaltung ihres Gottesdienstes erhalten. In Bälde wird wieder ein Bericht an die auswärtigen Genossen vertheilt werden. — Der Landtagsabschied an die Provinzialstände von Brandenburg enthält auf deren Petition um Revision der Gesetzgebung über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden den Bescheid: Der Antrag wegen Revision der Gesetzgebung über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden wird bei den darüber ftattsindenden legislativen Berathungen Berücksichtigung finden. Breslau, 29. Dezember. (Privatmitth.) Der hiesige jüdische Lehr- und Lcseverein hat in dem verflossenen Jahre eine rühmenswerthe Thätigkeit entfaltet. Seine Bibliothek ist stark angewachsen und in seinen Räumen bot er dem sich interessirenden Publikum Gelegenheit dar, manchen interesianten Vortrag anzuhören. Unter den Vorträgen verdient der, welchen der talentvolle Stud. Ferdinand Cohn am 27. d. über Schöpfungssagen und Schöpfungsgeschichte hielt, ganz besondere Erwähnung. Gediegenheit des Urtheils, so wie blühende Sprache und stilistische Fertigkeit zeichneten ihn vortheilhaft aus. Berlin, 1. Januar. (Privatmitth.) Wenn auch das folgende Ereigniß nicht auf die Bühne der großen Welt gehört, so verdient es doch wol einen Platz in der A. Z. d. Jud., um zu zeigen, wie tief das Vorurtheil noch in gewissen Kreisen wuchert, wie aber eine wahrhafte Begeisterung über dasselbe zu siegen vermag. Ein jüdischer Theologe, L., erhielt vom Prof. Strauß die Erlaubniß, an den homiletischen Uebungen des theologischen Seminars Theil zu nehmen. Als er nun seinen ersten Vortrag hielt, wandte er sich an seine Kommilitonen mit einem herzlichen Freundschaftsgruße und mit der Bitte, daß auch sie ihm die Bruderhand reichen möchten. Doch was geschah? Einer der christlichen Theologen trat nun auf, und äußerte: „Ich kann nur dem meine Bruderhand reichen, der mit mir denselben Weg zum Himmel geht." Diesen Vorgängen wohnte auch Herr stuä. philos. Moritz Hirschfeld aus Ungarn bei. Sein Herz blutete bei dieser Blindheit seines Bruders, er konnte dem Wogen seines Gemüthes kein Schweigen gebieten, und betrat in der nächsten Woche, nach erhaltener Erlaubniß, das Katheder. Begeistert für die Religion seiner Väter, erglüht von der Liebe zur Wahrheit und Humanität, hielt er einen Vortrag, für den er wahrlich unsre vollkommne Achtung verdient. Ohne Scheu, mit Wärme und Offenheit sprach er das aus, was er als Mensch, als Jude fühlt und denkt, ohne Scheu suchte er in überzeugender Rede darzuthun, wie dieser Ausspruch sich mit dem ursprünglichen Geiste der christlichen Lehre durchaus nicht vertrage; er bewies mit den gewähltesten, schlagendsten Stellen des N. T. die Unwürdigkeit solcher Gesinnung, er bewies, wie nur ein falsches Auffasscn ihrer Religion so viele Bekenner des Christenthums mit dem Gefühle der Bitterkeit und des Hasses gegen Andersglaubende erfülle, ja wie diese Engherzigkeit allein cs bewirkt habe, daß man sich in der trüben Zeit der Vergangenheit nicht scheute, von der Kanzel herab dem Hasse und der Verfolgung das Wort zu sprechen. Im Feuer der Begeisterung sprach er dann die schönen und wahren Worte: „Nimmermehr kann der Christ Christ sein, ohne Mensch zu sein, wenn auch der Mensch Mensch sein kann, ohne Christ zu sein." Mit kräftigen Worten schilderte er dann die Gräuelthaten, welche in der Vergangenheit an den Juden verübt worden sind, und leider jetzt noch so oft verübt werden. Nachdem der Redner so mit aller Glut des Herzens gesprochen, wandte er sich an seine Kommilitonen, forderte sie auf, ihre feindliche Gesinnung aufzugeben, sie in das Grab der Vergangenheit zu versenken, und einer edlern, nachsichtigern Denkungsart in ihrem Herzen Raum zu geben. Ergriffen von der Wahrheit dieser Worte, bestieg jener christliche Theolog das Katheder, widerrief seinen