Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1846)
- Date
- 1846-01-12
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225447--07467-3238225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 „Mein Kamerad," sagte der Erste der Reisenden, „ich komme von Amerika, wo ich unter den Fahnen des großen Washington gefochten. Als ich vernommen, welches Joch auf Polen laste, durcheilte ich die Meere, durchwanderte zwanzig Länder, um meinem unglücklichen Vaterlande mein Leben und meine schwachen Kräfte anzubieten. Die Bourka, die Ihr hier sehet, ist keine Verkleidung, es ist eine Tracht, die ich niemals ablegen werde. Um Rußland zu besiegen, muß man die Massen, die ganze Bevölkerung der Städte sowol als die Landbewohner aufrufen; wenn ich das Glück haben werde, die Freiwilligen zu erreichen, so werde ich sie verpflichten, unseren braven Bauern die Bruderhand zu reichen, und selbst das Beispiel dafür geben, indem ich diese Kleidung beibehalte, die man verachtet, die man aber wieder zu Ehren bringen muß. Bei der Armee, sowie in allen Ländern, heiße ich Thadäus; ich trage diese Pistolen und diesen Ring bei mir, sonst keine Papiere, kein Gold und nichts Geheimes, das ist meine ganze Geschichte." ,,Jch verlangte ste Euch nicht ab," erwiederte der Andere. „Wenn ich Euch alles auf mich Bezügliche wittheilte, so wollte ich meinerseits wissen, wen ich zu meinen Reisegefährten und Führer habe." „Ihnen dies mitzutheilen fleht mir nicht an." „Wenn Ihr mir dann wenigstens Euren Namen sagen wolltet?" „Das werde ich nicht thun." „So habt Ihr irgend ein Interesse, Euch mit einer Maske zu bedecken und Euch vor einem Manne zu verbergen, der Euch sein Leben anvertraut?" erwiederte der Andere mit einer Art Unruhe. „Ihr habt gehört, man bietet tausend Goldstücke für einen Anführer, dem man nachspürt; dieser gefährliche Offizier bin ich. Ich kann Euch mein Leben nicht unkluger Weise in die Hand geben; hier fürchte ich mich nicht vor Euch; hier können wir mit gleichen Waffen kämpfen; aber weiß ich auch, wohin Ihr mich führen werdet?" „Ich zwinge Sie nicht, mir zu folgen," erwiederte der Unbekannte mit Ruhe und Würde; „ich habe Sie nicht ausgesucht, und ich habe Nichts gethan, Sie an mich zu lecken; trennen wir uns, und Alles ist abgemacht." Und alle Beide gingen denselben Weg, ohne ein Wort zu äußern. Der Hauptmann war nachdenkeud, er sah, er habe es mit einem sonderbaren Manne zu thun; ein inneres Gefühl jedoch sagte ihm, daß er mit keinem Verbrecher zusammmengeratheu sei. Das Laster verschmäht weder List, noch Heuchelei, noch Lüge. Wenn der Unbekannte die Absicht hatte, ihm eine Schlinge zu legen, so wäre es ihm leicht gewesen, sich irgend einen beliebigen Namen, und eine mehr oder weniger glaubwürdige Geschichte anzudichten; unser Offizier bedauerte, die Rechtschaffenheit seines unbekannten Gefährten bezweifelt zu haben. „Haben Sie sich lange in Frankreich aufgehalteu?" fragte der Bürger, als er sah, daß ihn der Offizier nicht verließ. „Wie ich Euch gesagt habe, ich habe den Krieg gegen die Engländer in Amerika mitgefochten und bin auch einige Zeit in Frankreich gewesen." „Ein schönes Land, wie man sagt, wenn es Polens Urwälder, seine grünen Wiesen, seine Landschaften mit zahllosen Heerden nicht hat, so erwürgen und hassen sich wiederum auch seine Bewohner nicht wegen Glanbensverschiedenheit. Aus der Tiefe erhebt sich das Genie gen Himmel; ich, ein niedrer Unbekannter, ich prophezeie euch, tapfere, edle Polen, daß ihr unterliegen werdet, denn ihr achtet den Bürgerstand für Nichts, den Bauernstand für noch weniger als Nichts. Abergläubisch und unduldsam, fragt ihr noch, welcher Religion eure Brüder sind und maßt euch das Recht an, diejenigen, die nicht eures Glaubens sind und kein Wappen auf ihrem Schilde vorzuzeigen haben, zu verachten. Nein, nein, der Tag von Polens Befreiung ist noch nicht gekommen." Das Feuer, mit dem der Unbekannte diese Worte sprach, die tiefe Ueberzeugung, mit der er die traurige Entwicklung der Insurrektion voraussah, machten einen bedeutenden Eindruck auf seinen Reisegefährten und schienen ihm zugleich einiges Licht auf dessen Stellung zu werfen. Ohne Zweifel war er Protestant, der die adligen Katholiken nicht liebte. „Ungeachtet dieser Ueberzeugung wollt Ihr in das Armeekorps eintreten?" „Das ist sonderbar, nicht wahr? Bei der Belagerung einer Stadt dienen die Zuerstgefallenen den Folgenden als Fußschemel. Gott wollte es so, ich werde meinen Brüdern als Fußschemel dienen, die sich vielleicht über meinen Leichnam aus ihrer Demüthigung erheben. Wenn man uns sterben sehen wird, wird man uns vielleicht würdig erachten zu leben." „Ich begreife jetzt, Ihr seid Protestant. Ich kann Euch versichern, daß wir in unsrem bevorstehenden Kampfe „Gewissensfreiheit" zu unsrer Fahne machen werden."