Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1846)
- Date
- 1846-01-12
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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45 „Und wenn dies nun wäre, darf man fragen, was Euer Plan ist?" „Ich will dasselbe thun, aber aus anderen Gründen und zu einem andern Zwecke." „Wie das?" „Sie, mein Herr, Sie haben zwei Gründe für Ihre Handlungsweise. Diese beiden Gründe lassen sich in folgenden zwei Worten trefflich ausdrücken: Vaterland und Ruhm; ich, ich habe kein Vaterland und in der ganzen Welt giebt es Niemand, der sich meiner Heldenthaten und meines Ruhms freuen würde." „Ihr seid kein Pole?" „Ja, und nein." „Ihr habt Euer Vermögen verloren?" „Ich kann reicher sein, als der reichste Eurer Grundbesitzer." „Ihr habt keine Familie?" „Ich habe keine mehr." „Ihr habt Niemand, der Euch liebt?" „Niemand. Sehen Sie, es ist kalt, ich habe in meiner Flasche noch einige Tropfen Danziger, auf Ihre Gesundheit!" — Und er trank in vollen Zügen, als wolle er durch die Kraft des Branntweins seinen Schmer; betäuben. — „Es ist zwischen Ihnen und mir noch ein Unterschied, mein Herr," fügte er hinzu. „Sie kämpfen mit der Hoffnung auf glücklichen Erfolg, siegend aus dem Gefecht hervorzugehen, ich aber mit der Gewißheit zu unterliegen. Sie können eines Tages vermittelst Tapferkeit und Talent zum Grade eines Feldmarschalls steigen, ich, ich bleibe immer Soldat, immer passives Werkzeug, immer nur eine Maschine." „So habt Ihr kein ruhiges Gewissen, Vorwürfe quälen Euch und Ihr habt Euch irgend eine edle Buße auferlegt?" „£), ja, ja.... eine Buße," erwiederte der Andere, ironisch lachend, „ein Vorwurf, der Leib und Seele tobtet, eine Strafe, die dem Gewissen keine Ruhe gönnt, die sich auf Gesicht und Stirn abzeichnet und mit ihrem Banne ihr Opfer jederzeit und aller Orten verfolgt. Hören Sie, wenn ich Ihnen die Lösung dieses Räthsels geben würde, würden Sie, selbst in dem Augenblicke, wo Ihr Leben in meiner Hand steht, oder wo eine gemeinsame Gefahr uns vereint, nicht diese Flasche und den erwärmenden Trunk berühren, den ich Ihnen mit freundlichem Herzen anbiete." „Nein, nein," erwiederte der Andere, „auf Eurem Antlitz liest man das Leiden, aber nicht die Gewissensqual." Und er setzte die Flasche an seine Lippen und trank ohne Zaudern. „Ja, mein Kamerad, Ihr habt richtig gerathen, ich will die Freiwilligen aufsuchen, unsere Krakusen, unsere Lanziers und unsere furchtbaren Sensenträger; ich hoffe, selbst einiges Ansehen beim Polengeneral zu haben; also guten Muthes, und wenn Ihr eine Bitte an ihn habt, so kann ich für den Erfolg stehen." „Dank .... Dank!" erwiederte gleichgültig der Bürger, „Sie vermögen Nichts für mich." In diesem Augenblicke ließ sich von Neuem Pferdegetrappel vernehmen. Die Kosacken kehrten auf ihrem Wege zurück; anstatt den Wald zu verlassen, waren sie nach dem Befehl ihres Offiziers auf dem Hauptwege geblieben, mit der Weisung, jeden Vorüberziehenden, der das Gehölz durchwandern wolle, anzuhalten. „Gut, nun sind wir eingeschlossen." „Sieben, neun, eilf; es sind zwanzig," sagte der als Bauer Verkleidete. „Was wollen Sie beginnen?" „Ich denke, daß zwei entschlossene, unerwartet überfallende Männer diese wilden Vögel verscheuchen können." „Das ist möglich; aber wer fleht ihnen dafür, daß nicht noch ein zahlreicherer Trupp hier in der Nahe weilt? Hören Sie. In meiner Jugend durchzog ich öfters diesen Wald, ich kenne die kleinsten Pfade; lassen wir die Kosacken auf der Landstraße, und folgen Sie mir. Ich verpflichte mich, Sie aus dieser Falle zu ziehen, ohne Furcht uns zu verirren." „Im Namen Christi, laßt uns aufbrechen!" „Der Allmächtige beschütze uns! Vorwärts!" Während der Wanderung beobachtete der Reisende in der Bauern-Bourka seinen Kameraden genau, dem seine Antworten, seine Ironie und vor Allem eine Art Sorglosigkeit einen ganz besondern interessanten Stempel aufdrückten. Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Bürgers, eine Pelzmütze einen blauen Ueberrock, weite Beinkleider und in seinem Gürtel zwei Pistolen. Sein blasses, etwas längliches Gesicht schien nur um so trüber, da es mit einem schwarzen Barte eingefaßt war; seine Adlernase berührte fast seine Oberlippe, die Stirn war fast bis zu den schwarzen, großen, lebhaften Augen von den Haaren überdeckt, was seinem Gesicht einen düstern Ausdruck lieh. Nichts gleicht dem Verbrechen mehr als der Schmerz. Dieser Mann schien beim ersten Anblick entweder sehr verbrecherisch oder sehr unglücklich.