Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1846)
- Date
- 1846-01-12
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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43 Sammlung von Satzungen und Vorschriften, die großentheils durch das große Synedrium festgestellt worden stnd. Das Synedrium, bestehend aus 71 Mitgliedern unter dem Vorsitze des Patriarchen (arup}) und des zweiten Präsidenten (yn ma a«), war die oberste Behörde und entschied in streitigen Fällen durch Stimmenmehrheit. Um die Zeit der Makkabäer hatte es die schwierige Aufgabe, das Griechenthum, das sich unter den Juden gellend gemacht hatte, auszurotten und den durch mannigfache Zerrüttungen getrübten Nationalstnn wieder neu zu beleben; überhaupt die Selbstständigkeit des Volkes zu retten und zu sichern. Zur Abwehr des Fremden und Erhaltung des Eigenthümlichen mußte es die Gesammtheit auf bestimmte Lehren verpflichten, die durch Anlehnung an das mosaische Gesetz gestützt wurden. — Diese Vorschriften, durch Rabbi Jehuda (arten) gesammelt, bilden die Mischna. Sie selbst ward bald Gegenstand der Erläuterungen. Kurze Lehrsätze, die sie enthielt, wurden weiter ausgeführt. In den Lehrhäusern wurde über einzelnen Meinungen disputirt, die Gründe derselben wurden beleuchtet und Widersprüche ausgeglichen. Diese neue Thätigkeit, die sich im Auslegen und Unterbauen des Vorhandenen bekundete, legte den Grund zum Talmud. Was in den Schulen *) gelehrt worden, wurde später ausgezeichnet. Die Zusammenstellung dessen, was in den palästinensischen Schulen besonders von Rab. gelehrt worden, bildete den jerusalemitanischen Talmud, dessen Abschließung vor den Anfang des 4. Jahrhunderts fällt. In Babylon hatte sich unter dem Einflüsse der Perser ein eigenthümliches geistiges Leben entwickelt, dessen Dokument wir im babylonischen Talmud besitzen. Sein Abschluß fällt vor den Beginn des 5. Jahrhunderts. Während der palästinensische Talmud die Sachen trockner durch Fragen und Antworten erledigt, ist der babylonische voll von scharfsinnigen und geistreichen Drehungen und Wendungen der einzelnen Fälle. Es sei ein Vorurtheil, sprach der Redner mit Eifer, wenn man sich den Talmud als eine Anhäufung unnützer Materialien denkt, die für uns verjährt und unschmackhaft sind. Die Form der Darstellung im Talmud habe einen allgemein wissenschaftlichen Zweck und gebe ihm schon deshalb das Recht, in der Kulturgeschichte des Judenthums hervorgehoben zu werden. Er (der Redner) müsse sich zwar hier nur auf Andeutungen beschränken; doch wolle er ein Beispiel hervorheben, das geeignet sei, einen Blick in die innere Einrichtung des Werkes thun *) Jamnia, Uscha, Liberias, späterPumbeditta,Sura rc. zu lassen und zugleich den Geist der jüdischen Gesetze und der Rechtspflege charakterisiren könne. Die Stelle war aus Tract. Sanhedrin und betraf die Vernehmung der Zeugen bei peinlichen Rechtsfällen. Besonders hervorgehoben wurden die Worte: „Der Mensch ist wegen des Friedens Ln der Welt einzeln geschaffen." „Ihr sollt aber wissen, daß dem, der znm Tode eines Menschen durch Schuld beigetragen, es gerechnet werden soll, als hätte er zur Vernichtung einer ganzen Welt beigetragen rc." Hier sei der Begriff der Individualität auf die erhabenste Weise auf> gefaßt. Hier sei der Gedanke ausgesprochen, daß das Individuum eine Geisteswelt in sich trage und als Urheber einer ganzen Kette von Entwicklungen betrachtet werden müsse. — Nachdem Herr Dr. Sachs nun noch etwas über die Einrichtung und Form der Gemare gesprochen und das Verhältniß der zu ihren Dolmetschern, den;, erwähnt hatte, schloß er den Vortrag mit der Bemerkung, daß er nun die Besprechung des dunklern und für die Untersuchung schwieriger» Gebietes erledigt habe. Es sei dieses Gebiet, fügte er hinzu, mit einem Fruchtboden zu vergleichen, dem ein großer Reichthum von Bildungsstoffen zu Theil geworden, ans denen sich die späteren Produkte als Keime entwickeln konnten, die uns bald klar durch die Einheit des Stoffes entgegentreten werden. F. Sa moje. Auszüge. Per Kampf auf einem Grabe. Geschichtliches Ereigniß aus dem Polenkriege. (Nach dem Französischen des Jean Ezynski.) *) „Was macht dieser Mann da? weshalb steht er still, und was beobachtet er?" Dies sprach ein Individuum im Alter von 40—50 Jahren, dessen wahrscheinlich durch innere Leiden gefurchtes, schwermüthiges Antlitz jedoch ein vorgerückteres Alter andeutete, zu sich selber. Er war mit der Bourka eines polnischen Bauern bekleidet, aber sowol in seinem Gesicht, als in seinem Benehmen konnte man leicht den vornehmen Polen erkennen, der mittels einer in den unruhigen Kriegs- *) Aus den Arch. israel. de France.