Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-05 · Heft 2 (5.1.1846) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 2 (5.1.1846)
Date
1846-01-05
Page
Seite 31 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225446--07451-3238208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

31 standen wissen will, erkennen wir daraus, daß nicht nur die Wittwen und Waisen, die Fremdlinge und Tagelöhner, die Armen und Dürftigen unsrer Barmherzigkeit auf's Dringendste empfohlen werden, sondern auch der Feind, dem wir beistehen und zu seinem verlornen Gute wieder verhelfen sollen. Auch gegen Thiere, ja! selbst gegen leblose Wesen wird uns Schonung eingeschärft, wie das Verbot am Sabbat mit dem Vieh zu arbeiten, nicht zu kochen das Böcklein Ln der Mutter Milch, beim Ausheben eines Vogelnestes nicht die Mutter sammt den Kindern zu nehmen, endlich bei Belagerung einer feindlichen Stadt nicht die Bäume-zu verderben und umzuhauen, hinlänglich beweist. Von solcher Liebe getragen, mußte auch das ganze Staatswesen der Israeliten eine von anderen Völkern ganz verschiedene Gestaltung annehmen. Gott bildete den idealen Mittelpunkt des öffentlichen sowol wie des Privatlebens, unter seinem heiligen Panier schaarten sich Arm und Reich, Alt und Jung, Groß und Klein; jeder Einzeine stand im Dienste Gottes, ja! das ganze Leben des Israeliten war ein Gottesdienst, ohne daß er jedoch, wie der Grieche und Römer, seine individuelle Freiheit aufgegeben hatte. In diesem Sinne war der israelitische Staat ein Gottesstaat und in demselben Sinne das israelitische Volk das Volk Gottes, das vor allen Völkern von Gort für seinen Dienst auserwählt ward. Wir schrecken nicht zurück vor diesem Ausdruck, wir sagen auserwählt, wiewol wir wissen, daß die Juden eine tausendjährige Verfolgung dafür zu ertragen hatten. Oder wollt ihr deshalb rechten mit Israel, so rechtet auch mit den Griechen, welche zur Kunst, mit den Römern, welche zum Recht auserkoren worden; selbst mit den unsterblichen Geistern, die ewig im Gedächtniß der Menschen fortleben, während Millionen ihrer Mitmenschen in Staub und Vergessenheit dahinsinken, mit Plato und seiner Weisheit, mit Milo und seiner Stärke, mit Raphael und seiner Kunst, mit Paris und seiner Schönheit müßtet ihr dann rechten wollen! Doch sind zwei Momente hierbei wohl zu beachten. 1) Nicht die besondere Liebe Gottes, sondern nur die besondere Aufgabe Gottes, die besondere Liebe Israels zu Gott macht dasselbe zum auserwählten Volke. Daß aber i der Gott Israels kein Nationalgott, als welchen man ihn ' so oft darzustellen bemüht ist, geht schon aus dem Begriff j der Unendlichkeit Gottes und der auch gegen Fremde und Feinde gebotenen Nächstenliebe hervor. 2) Ist nicht zu leugnen, daß einzelne mosaische Gebote nicht im Einklang stehen mit der hohen universalen Sittlichkeit, welche den Grundzug des israelitischen Lebens bildet. Allein dies ist nur Folge der nothwendig gewordenen nationalen Abschließung und Absonderung. Daß aber dieser Mangel nur dem jüdischen Staat und nicht dem Judenthume beizumessen ist, geht schon aus dem vielfach wiederkehreuden Ausspruch hervor, daß alle Völker der Erde einst das Gesetz anerkennen sollen und werden, daß die Gottcserkenntniß Besitzthum der ganzen Menschheit werden soll, welche Hoffnungen den Kern der Messiasidee ausmachen. Daß aber endlich das Selbstbewußtsein die Basis der mosaischen Ethik bildet, finden wir ausgesprochen in den merkwürdigen Worten Deut. 30, II ff.: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht abgesondert von dir und ist nicht fern; nicht im Himmel ist es, daß du sprechen müßtest: wer steigt für uns in den Himmel und holt es uns, daß er es uns hören lasse und wir es thun; und nicht jenseit des Meeres ist es, daß du sprechen müßtest: wer fährt für uns jenseit des Meeres und holt es uns, daß er es uns hören lasse, daß wir es thun. Sondern ganz nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen es zu thun." 1). ft. M. Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen 1 Vr Ngr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Seile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Gesuche. Der Unterzeichnete Vorstand beabsichtigt vom 1. Mai 1846 an einen zeitgemäßen, musikalisch gebildeten, verheiratheten Kantor anzustellen, der nicht allein ein guter yrn und nV'sn sein muß, sondern auch einen Choratgesang leiten und in der jüdischen Bürgerschule im Gesänge soll Unterricht ertheilen können. Auch muß derselbe hinreichende Kenntnisse besitzen, um die Funktionen eines Korporations-Rendanten und Sekretärs übernehmen zu können. Die jährlichen Einkünfte würden sich auf circa 500 Thaler belaufen, die in der Folge erhöht werden dürsten. Qualifizenten wollen sich in portofreien Briefen, denen Zeugnisse der Befähigung, so wie des moralisch-religiösen Wandels beizufügen sind, melden. Gnesen im Dezember 1845. Der Vorstand der jüdischen Korporation. M. Rusfak. I. Heilbron. I. D. Lasker.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.