Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1846)
- Date
- 1846-01-05
- Page
- Seite 30 (sequence 14)
- Language
- German
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30 schuf er am sechsten Tage den Menschen in seinem Ebenbilder „daß er herrsche über die Fische des Meeres und das Geflügel des Himmels, und über das Vieh, und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das sich regt auf der Erde." Schon hier haben wir ein sittliches Moment: die Herrschaft des Menschen über die Natur, welches der ersten Entwicklungsphase der Sittlichkeitsidee entspricht. Tiefe unmittelbare und unbedingte Herrschaft erscheint jedoch hier schon als Ausfluß der Allmacht Gottes. „Und der Herr pflanzte einen Garten, dahin er den Menschen setzte," doch befahl er ihm, nicht zu essen vom Baume der Erkenntniß und des Lebens. Hiermit sind wir in das zweite Stadium der Sittlichkeit eingetreten, wo die Selbstbeherrschung der leitende, maasgebende Gedanke ist. Allein Adam unterlag dem Reiz derSinnenlust und verlor die Herrschaft über sich selbst. Dieser sogenannte Sündcnfall ist nun Ln der Bibel zwar als Etwas dargestellt, das nicht hätte sein sollen; er war aber grade nothwendig, der Mensch mußte einmal aus der unbefangenen, kampflosen Unschuld heraustreten, wenn er überhaupt eine sittliche Basis gewinnen sollte. Nichtsdestoweniger erscheint diese selbstständige That des Menschen als der Grund eines allgemeinen menschlichen Verfalls. Nicht mehr wie früher ist ihm die Natur ohne Weiteres unterthan, sondern im Schweiße seines Angesichts muß er der Erde sein Brod abringen; und wie hier der Verlust der Herrschaft über die Natur, so erscheint in Kain der Verlust der Herrschaft über sich selbst in seiner abschreckendsten Gestalt. Gott spricht zwar zu Kain: „Fürwahr, wenn du recht handelst bist du wohl auf, aber wenn du nicht recht handelst so lagert vor der Thür die Sünde und nach dir ist ihr Verlangen, du aber mußt über sie herrschen;" doch vergebens, und tiefer und immer tiefer sinkt der seiner selbst unmächtige Mensch in den Abgrund der Sinnlichkeit, bis der Herr bereut, daß er ihn geschaffen und das verderbte Geschlecht in den Ozean der Sündfluth versenkt und von der Erde tilgt. Mit Noah schließt sich der Gedanke der Achtung des Menschen gegen den Menschen, auf ihrer Gottahnlichkeit begründet, als neuer Ring an die Kette der ethischen Entwicklung der Menschheit: „wer Menschenblut vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden, denn im Ebenbilde Gottes schuf er den Menschen." Diese gegenseitige Achtung machte einen geselligen Verkehr der Menschen erst möglich, der sich auch immer weiter und weiter verbreitete; es bildete sich eine Gemeinsamkeit des Lebens, die ihren Triumph im babytonschen Thurmbau feiern sollte. Allein dies Unternehmen scheiterte, weil die Menschen sich noch nicht verstanden, weil sie noch keine gemeinschaftlichen idealen Zwecke hatten, welche Menschen der entferntesten Gegenden einander nahe zu bringen und zusammenzuhalten vermögen. Abrahm ist der vollendete sittliche Mensch anderen Menschen gegenüber. Er ist ein liebender Gatte, zärtlicher Vater, treuer Verwandter, uneigennütziger Helfer der Bedrängten, beredter Fürsprecher der Unschuldigen, zuvorkommender Gastfreund. Doch ist sein Verhältniß zur Gottheit noch ein sehr getrübtes und niedriges; denn er unterwirft sich in blindem Gehorsam dem Befehle Gottes, ohne nach dessen Grund und Absicht zu forschen, er kann noch mit dumpfer Passivität und unnatürlicher Selbstertödtung seinen einzigen Sohn hinopfern wollen. Moses endlich ist der Diener einer Idee. Die Gottesidee war zugleich Quell, Licht und Ziel seines ganzen Wollens und Handelns; sie machte ans dem zagenden Hirten einen kühnen Helden, aus dem stotternden Jüngling einen mächtigen Volksredner, und den unumschränkten Feldhcrrn und Gesetzgeber zu einem demüthigen Diener Gottes. Der Grundgedanke der Mosaischen Sittlichkeit ist: Gott zu erkennen, damit man ihn ehrfürchte und liebe und seinen Willen befolge mit Bewußtsein. Dies ersehen wir sowol daraus, daß die Gotteserkenntniß fast allen sittlichen Geboten vorangestellt ist, als auch ans unzähligen Einzelstellen; „ihren Vätern bin ich erschienen, aber sie haben mich nicht erkannt u. s. w." „Und du sollst erkennen und dir zu Herzen führen, daß der Ewige der Gott ist im Himmel oben und auf der Erde unten sonst keiner und du sollst beobachten seine Gesetze und seine Gebote, die ich dir heute gebiete." „Vernimm Israel.... liebe den Ewigen deinen Gott vom ganzen Herzen und ganzer Seele und ganzem Vermögen." „Möchte dieser ihr Sinn ihnen bleiben mich zu ehrfürchten und alle meine Gebote zu beobachten alle Zeit." „Was fordert der Ewige von euch als ihn zu ehrfürchten und zu lieben und zu beobachten seine Gebote." Mit dem Ansspruche: „Kinder seid ihr des einigen Gottes" ist nicht nur das Verhältniß des Menschen zu Gott als das reinsie und höchste bestimmt, sondern auch das Verhältniß des Menschen zum Menschen. Denn sind wir Kinder eines Gottes, so sind wir allesammt Brüder, von denen es dann näher heißt: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, mit welchem Gebot die Selbstsucht total vernichtet wird. In welch umfassendem Sinn der Gesetzgeber diese Liebe des Menschen ver-