Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1846)
- Date
- 1846-01-05
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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29 endlich die Kasteiungen und Verstümmelungen des Leibes, die grausamen Opfer von Thieren und Menschen, als welche die blutigen Siegel sind jener Leibeigenschaft, welcher der Mensch, vom Schreckbild einer unsichtbaren Zwing- Herrschaft geknechtet, sich gedankenlos anheim giebt. Auf diesem Standpunkt haben wir den vollendeten Widerspruch, ohne daß eine Lösung desselben auch nur möglich wäre. 2) Auf der zweiten Stufe wurde die Gottheit als die Tugend aufgefaßt, der jedoch noch böse Gottheiten zur Seite standen. Diesem Gottesbewußtsein entsprechend sehen wir in der Sphäre der Sittlichkeit das Bedürfniß der Nächstenliebe aufkeimen und mächtig emporwachsen; das zarte Band der Pflicht umschlingt die Menschen und eint und fesselt sie aneinander. Hiermit ist die Selbstsucht, die wie ein verzehrendes Feuer Alles um sich her verschlang, überwunden und vernichtet, die einzelne Persönlichkeit giebt sich den Zwecken einer Gefammtheit hin und geht in ihr auf> Ein solches Verhältniß gewahren wir bei den Griechen, besonders den Spartanern, und bei den Rymern. An die Stelle der Willkür des Einzelnen, wie auf der vorhergehenden Stufe, tritt das gemeinsame Recht Aller, an die Stelle der Macht tritt das Gesetz; mit der That ist die Gesinnung in schönem Bunde und das Sonderintereffe löst sich auf in dem Interesse eines größer» Ganzen, in den Bestrebungen und Zwecken des Vaterlandes. Aber der Mangel dieser Sphäre ist, daß sie nicht bis zum höchsten und letzten Gedanken des sittlichen Verhaltens der Menschen zu einander vorgedrungen ist, noch auch die Stellung des Menschen zu Gott würdig und tief genug auffaßt. Dem Griechen und Römer gilt Alles, was außerhalb des Heimatlandes vorgeht, für nichts, die Nationen jenseits der engen Gräuzen ihres Stammgebiets sind ihm Barbaren und Sklaven; zur Idee des Weltbürgerthums, einer die Menschheit umfassenden Bruderliebe vermag er sich nicht emporzuschwingen. Das Vaterland ist ihm das Eins und Alles und diesem gegenüber ist er ebenso unfrei, ebenso willen- und selbstlos als gegen die dunkelwaltende Macht des Fatums, der Niemand entrinnen kann, dem Jeder, auch der beste, verfallen muß. 3) Mit der Unendlichkeit Gottes auf der dritten und höchsten Stufe der religiösen Entwicklung erschließt die Knospe der Sittlichkeit erst ihren wahren und vollen Blüthenschmuck. Der denkende Geist befreit sich von den hemmenden Schranken' seiner Sinnlichkeit und streift ab die Fesseln seiner irdischen Endlichkeit. Und was gewinnt er durch diese gewaltige That, durch diese Verneinung der Materie? sich selbst, das Selbstbewußtsein und somit erst den wirklichen und festen Boden der Sittlichkeit» Denn der Mensch soll nicht bloß eine Aufgabe haben und sich ihr hingeben, sondern sie auch wissen und nur durch dies Wrffen wird sein Thun zur Tugend. Vermag das Auge sich selbst zu sehen, das Ohr sich selbst zu hören, die Hand sich selbst zu fassen? Aber der Mensch vermag sich selbst zu erkennen und hierin besteht der Sieg seiner göttlichen Natur über seine irdische. Durch die Selbsterkenntniß ist die Herrschaft der Sünde gebrochen, die bloß in Momenten der Verdunkelung unsres Geistes Gewalt über uns zu gewinnen vermag; durch das Selbstbewußtsein gelangen wir erst zur Freiheit und somit zur Tugend und Gotteserkenntniß. Der Sklave, der in Ketten schmachtet, ist frei, wenn er seines Willens sich bewußt, dessen Meister ist; der Tyrann hingegen, der seinen Lüsten ergeben, der Spielball in den Händen seiner Höflinge und Buhlerinnen ist, der ist ein Sklave, wenn er auch über weite Länder und Reiche geböte. Gleicherweise ist die Tugend nicht ohne Selbstbewußtsein möglich. Denn ohne Wissen von sich selber ist der Mensch unzurechnungsfähig und weder das Schlechte, das er unbewußt thut, kann ihm zum Verbrechen, noch das Gute zur Tugend angerechnet werden. Daher kann die Unschuld, jene instinktmäßige Gutartigkeit nicht Tugend genannt werden, welche nur aus dem siegreichen Kampf mit den Leidenschaften, aus der selbstbewußten Wahl des Bessern hervorgehen kann; nur aus dem Sieg über die Eigenliebe entspringt die Nächstenliebe. Endlich hat auch das wahre Verhältniß des Menschen zu Gott seine Quelle im Selbstbewußtsein. Durch dieses werden wir uns erst unsres Antheils am göttlichen Wesen bewußt, durch dieses erkennen wir erst unfern Geist als Ausfluß der Gottheit selbst und nicht in blinder, knechtischer Unterwerfung, sondern in einer vernünftig-freien Hingebung an den göttlichen Willen besteht dann unsre Religion, und unsre Gottesverehrung nicht in blutigen Opfern, sondern in der Vergeltung der täglich und stündlich sich an uns bewährenden Liebe Gottes an die Welt Gottes. Diese höchste Stufe des sittlichen Verhältnisses des Menschen zu sich selbst, zu seinem Nächsten und zur Gottheit finden wir nun im Judenthume und speziell in den fünf BB. M. auf's Vollkommenste ausgebildet, so zwar, daß die schrittweise Entwicklung durch jene beiden untergeordneten Stufen noch erkennbar ist. Im I. B. M. wird uns erzählt: nachdem Gott Himmel und Erde und Alles was darauf vollendet hatte,