Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1846)
- Date
- 1846-01-05
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
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28 Geschmacke feiner Zuhörerschaft ein, noch dazu der jüdische Prediger, der bei seinen Predigten immer dasselbe Publikum hat. Es ist dies auch durchaus nicht tadelnswerth: denn um seine Lehren auf die Zuhörer überzutragen, muß man sie ihnen schmackhaft machen, ohne daß natürlich die Lehren dadurch an ihrer Wahrheit verlieren dürfen. — Die vorliegenden Predigten, sechs an der Zahl, werden von einem Vorwort eingeleitet, in ivetchem der Verf. auf häufigere Anwendung und Erklärung von Bibel- und Talmudstellen in der jüdischen Predigt dringt, indem er daran erinnert, daß der dewIuden eigenthümliche Scharfsinn auch befriedigt sein will; der Jude will etwas hören, was er nachsagen kann. Daß die jüdische Predigt vom echtbiblischen und echtjüdischen Kolorit durchtränkt sein soll, geben wir gern zu, und war von jeher unsre Behauptung, die wir schon vor 13 Jahren in den ersten Aufsätzen, die über jüdische Homiletik erschienen sind, verfochten. Allein darum können wir es nicht billigen, daß die Predigt eine Mosaikarbeit von hebräischen Sprüchen werde, durch die der zusammenschließende Gedanke sich mühsam hindurchwindet. Viel nützlicher ist es gerade zu dem Zwecke des Verfassers, einen recht prägnanten Text zu wählen, und den so scharf und erschöpfend zu behandeln, und so in allen Theilen der Predigt wiederkehren zu lassen, daß er und seine Auslegung sich von selbst dem Zuhörer einprägt: während die ungemessne Zahl von angeführten Stellen dem Zuhörer vorüberrauscht, ihn blendet und meist zur Bewunderung verführt, ohne ihm den beabsichtigten Nutzen zu schaffen. Der Verf. klagt, das; die meisten Predigten der jüdischen Prediger aus schönen Phrasen und Floskeln bestehen — aber er verfällt in den entgegengesetzten Fehler: zu viele schöne Stellen der Predigt aufzuheften, wodurch sie ein buntes, zusammengesticktes Ansehen bekommt. Wir zählen in mancher dieser Predigten 60—70 Bibel- und Talmudstellen. Fügen wir nun hier noch hinzu, daß der Verf. in seinen Predigten zu weit ausholt, und das Maaß überschreitet (22 eng bedruckte Großoktavseiten!) — so haben wir allen Tadel zusammengestellt und können die lobenswerthen Seiten mit Nachdruck hervorheben. Milde, liebevolle Gesinnung, vom Hauche des Friedens beseelter Charakter, klare Einsicht in das, was Noth ist, Vermittlung der Extreme, Würdigung des Edeln und Erhabenen, gläubiges Gcmüth, Scharfsinn in der Behandlung des Gegenstandes und gediegene Sprache zeichnen den Redner aus, und befriedigen Verstand und Herz des Zuhörers in gleichem Maße. Indem wir dieses mit wahrhafter Anerkennung aussprechen, und dem Verfasser unsre Achtung bezeugen, wünschen wir ihm für seine Rednergabe einen recht erfreulichen Wirkungskreis. Korrespondenz. Berlin, 22. Dezember. Vorlesungen des Dr. S. Stern. IV. „Du gleichst dem Geist, den Du begreifst," diese ebenso tief empfundenen als wahren Worte unsres größten Dichters können wir an die Spitze unsrer heutigen Vorlesung über„dLeSLttlichkeit§Ldee im Judenthume" als sinniges Motto stellen, denn sie drücken den tiefen Gedanken aus, daß die Gotteserkenntniß des Menschen der Höhemeffer seiner Sittlichkeit und umgekehrt die Sittlichkeit der Spiegel seines Gottesbewußtseins sei. Und Ln der That begreift der Mensch seine Aufgabe als solcher nur so weit als er Gott begreift, und nur so weit hat er Gott wahrhaft begriffen als er seine Aufgabe erfüllt. Wir können daher die allgemeine Regel aufstellen: Den Gott nur begreifst Du, dem Du gleich zu werden strebst, und nur dem Gott wirst Du gleich zu werden streben, den Du begreifst. Dieses parallele Verhältniß des Gottesbewußtseins zur Sittlichkeit zeigt sich durchgängig Ln der Geschichte der Religionen: I) Auf der untersten Stufe der Religionserkenntniß ging aus dem Widerspruch der Freiheit und der Rvthwendigkeit der Begriff Gottes als der Macht hervor, von deren Gunst oder Ungunst des Menschen ganzes Wohl und Weh abhing. Dieser Anschauung vollkommen gemäß gestaltet sich denn auch die Sittlichkeit, und Macht und Herrschaft, von Egoismus und Selbstsucht getragen, sind des Menschen Ziel und Streben der Natur und den Menschen gegenüber, wie knechtische Unterwürfigkeit und selbstlose Hingebung an den Priester sein Verhältniß zu Gott bildet, als dessen Stellvertreter jener erscheint. Daher ist Jagd und Fischerei, Viehzucht und Ackerbau die einzige menschliche Beschäftigung, daher spielt der Krieg, in welchem sich die ungezügelte Willensfreiheit und Herrschsucht der Welt gegenüber kund giebt, eine Hauptrolle Ln diesem Stadium menschlicher Entwicklung, daher selbst die bewunderungswürdige Kraft im Ertragen von Hunger und Durst, Kälte und Hitze, von Regen und Unwetter; daher