Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1846)
- Date
- 1846-01-05
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Wo zwar im Sonnenschein, im feuchten Mergenthau Vollsaftig treibt die Wurzel durch die Au, Wo leis der Zephyr um die Krone spielt und lau, Und selten streift des Sturmes Nebelgrau — Doch wo der Lüste Fäulniß durch die Adern ziehet, Daß bald die Kraft des Urwuchses entfliehet, Wo lockre Erde nur die schwere Wurzel decket, Daß sie vom ersten Windstoß nackt sich recket, Und schon vom Nah'n des Sturms gebeugt, erschrecket, Der grüne Wipfel sich zu Erde strecket. Dahin bin nimmer ich gezogen, nimmer traut' Dem Lockruf ich der Wälder, die ich schaut', Ich senkte fest die Wurzel in das Felsgestein, In seine Riffe ihr Gerveb' hinein, Auf ihn, den Felsenhort, stellt' ich mein ganzes Sein — Hier soll mein Leben, soll mein Sterben sein!" Zeitungsnachrichten. Nordamerika. New-Nork, 25. November. (Privatmitth.) Meinen Bruder- und Freundesgruß ausNew-Pork, aus dem gottgesegnetcn Lande der Freiheit, aus dem schönen Boden der bürgerlichen Gleichstellung! Wie ein Traum liegt es hinter mir das alte Europa mit seinen Beschränkungen; wie ein fernes Nebelbild nur umschaukelt die Erinnerung der widrige Judenhaß Rußlands; entschwunden sind der geängsteten Seele die schrecklichen Gestalten des Druckes und der Verfolgung — frei athmet mir die Brust wieder, frei bewegt der Geist seine Schwingen wieder, und jubelnd möchte ich der Welt, die hier sich versöhnt, den herzlichsten Bruderkuß geben! Der 25. November ist heute, an dem Washington, der große Vater seines noch größern Landes, siegreich durch die Straßen New-Uorks zog, und Engländer und Hessen heim in ihre Länder schickte! Die dreifarbige Fahne weht in allen Straßen; aus dem blauen Felde einen sich 30 Sternchen zu einem Sterne erster Größe; Bürger, bewaffnet für Recht und Selbstständigkeit, Freiheit und Gleichheit, umziehen mit fliehenden Fahnen und klingendem Spiele die Standarte, die allen Menschen gleiche Rechte, gleiche Freude am Leben sichert; und diese Bürger sind nichts als Brüder, fühlen sich nur als Brüder; Jude oder Christ, Christ oder Jude — dieser alte Streit ist vergessen, und im Menschen wird nur der Mensch geachtet und geliebt. O, Sie müssen sie athmen diese freie Luft Kolombia's, um den Stolz und die Freude seiner Söhne mitfühlen zu können; Sie müssen ihn ganz abgeschüttelt haben den Staub Jahrhunderte alten Judendruckes, um das volle Gefühl „ich bin Mensch, wie jeder andere" würdigen zu können; Sie müssen unsere jüdischen Brüder, die gedrückten Auswandrer des drückenden Europa's hier sehen, um sich zu überzeugen, wie würdig der Jude sich seinen christlichen Brüdern hier zur Seite stellt. So jung auch noch das deutsche Judenthum hier ist, so mächtig ringt es einer würdigen Entwicklung entgegen. Treu dem Glauben ihrer Vater bilden sich Gemeinden in jedem Winkel der Vereinigten Staaten, und Hunderte von Synagogen entstehen, in denen dem Einig-Einzigen Lob- und Dankeslieder erschallen. Treu dem alten Grundsätze jüdischen Fleißes und jüdischer Sparsamkeit, arbeitet ein Jeder; der Wohlstand nimmt von Tag zu Tag überhand; die als Bettler einwanderten, sind reiche Männer nach 6—10 Jahren; und der Name German-Jew iji zum Ehrennamen, zur Bezeichnung der Redlich- und Ehrlichkeit hier worden. — Treu dem Wohlthätigkeitssinne der Nordamerikaner entstehen jüdische Wohlthatigkeitsvereine rundum; und während ich über die allgemeine Entwicklung des Judenthums in Amerika Ihnen ausführliche Berichte später verspreche, erlauben Sie mir heute Ihnen über die Jahresfeier der Germaa- Hebrew-Benevolent-Society zu berichten. Mittwoch, den 19. dieses, Abends 7 Uhr, versammelten sich 250—300 Personen in den Gemächern des Minerva-Gebäudes. Juden und Christen, Engländer und Amerikaner; Männer vom weinbelaubten Rheine und fernen Oderstrande; Männer vom Norden, wo das Meer die Ufer Deutschlands küßt, Männer vom Süden, wo die Orange glüht und die Zitrone im dunkelgrünen Haine blüht, wogten in bunter Menge durcheinander. Freudig strahlte jedes Gesicht, jubelnd schlug jedes Herz, und treuherzig reichte Einer dem Andern die jecking-hand. Im letzten der reicherleuchteten Gemächer war das Festkomite versammelt, an seiner Spitze der Präsident