Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 sprechen nur verbindlich gemacht habe, Christen, welche den Jslamismus wieder verlassen, nicht mehr mit dem Tode zu bestrafen, dem hiesigen Camcham- Baschi (Oberrabbiner) zu übergeben und ihn ungestört die jüdische Religion ausüben zu lassen. In Widdin waren gegen Mitte September zwei Judcnmädchen aus Neusatz im Oesterreichischen von dem dortigen Gouverneur Chairrcddin-Pascha unter nichtigen Vorwänden festgenommcn und zum Uebertritt zum Jslamismus gezwungen worden. Der österreichische Konsul von Galacz wendete sich hierauf schriftlich an den Pascha und verlangte die augenblickliche Auslieferung der Mädchen. Der Pascha verzögerte seine Entschließung unter dem Vorwände, daß jetzt Ramadan sei und er deshalb zu ähnlichen Geschäften keine Zeit finde. Auf den Bericht des Konsuls an die hiesige Jnternuntiatur schritt Graf Stürmer sogleich auf das Kräftigste bei der Pforte ein. In Folge dessen erließ die Pforte an Chairreddin-Pascha ein vezirielles Schreiben, indem sie ihm die augenblickliche Auslieferung der Mädchen befahl, ihm in den härtesten Ausdrücken sein Verfahren als den Verträgen mir den fremden Mächten und den Grundsätzen des Jslamismus zuwider verwies und ihm einschärfle, in Zukunft allen Reklamationen und Mittheilungen der österreichischen Konsuln und sonstiger Nachbarbchörden Gehör zu geben und sie auf das Schleunigste und Freundschaftlichste zu erledigen. Der Scheik-ul-Jslam erließ gleichzeitig an den Naib von Widdin ein amtliches Schreiben, in welchem er ihm verwies, daß er diesen erzwungenen Uebertritt zum Jslamismus gestattet habe; als Ulema müsse ihm wohlbekannt sein, daß nach den heiligen Schriften jedes Zwangsverfahren in Gewissenssachen unerlaubt sei. Nach Berichten aus Galacz ist im Anfänge November wirklich die Uebergabe der Judcnmädchen an den Konsul erfolgt. —. Es gicbt europäische Staaten genug, wo diese beiden Fälle nicht auf diese Weise abgelaufen wären. Konstantinopel, 3. Dezember. Das Journal de Konstantinopel enthält die Absetzung des Naib von Widdin, wegen seines gesetzwidrigen Verfahrens gegen die Judenmädchen von Neusatz, um sie zur Annahme des Jslamismus zu zwingen. Rußland. Unsre offene Darlegung der Verhältnisse unsrer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland hat überall einen tiefen Eindruck gemacht. Wir werden bald darauf zurückkommen. Einstweilen geben wir hier einen Artikel der D. A. Z. aus Berlin datirt. Er lautet: „Die in den letzten Monaten ergangenen bedrückenden Verordnungen sind hinlänglich bekannt geworden; man krönt jetzt diese Reihe von Verfolgungen, indem man durch ein neues Gesetz den Beschncider für die Vollziehung eines solchen Aktes auf zwei Jahre verantwortlich machen will, und zwar so, daß, falls das Kind, welches er beschnitten hat, innerhalb dieser Zeit an irgend einer Krankheit stirbt, er nach Sibirien wandern soll. Man begreift, daß bei der großen Sterblichkeit der Menschen in den ersten Lebensjahren dieser Befehl einem Verbote der Aufnahme neuer Mitglieder für die Juden gleichkommt. Aber Verfolgungen haben stets Märtyrthum hervorgerufen. Und so ist es noch heute. Schon beginnt die Auswanderung und bald werden Tausende die Marken des russischen Reichs heimlich verlassen, um für sich und ihre Familien einen Platz für einen neuen Hecrd und den alten Altar zu erbetteln. Schon ist die Anzahl der hier durchreisenden polnischen Juden, welche die Unterstützung der Gemeinden in Anspruch nehmen, auf das Vierfache der normalen gestiegen, und bereitwillig sind Mittel für sie hergegeben worden. Aber diese vereinzelte Hülfe Berlins wird bald nicht mehr ausreichen können, wenn sie auch noch so freigebig gespendet werden würde. Darum ist es nöthig, daß alle Juden und überhaupt alle fühlenden Menschen sich für die armen ihres Glaubens halber Bedrängten verbinden, daß die deutschen Juden sich bei den englischen und französischen für diese Sache verwenden, damit dann durch Zusammenwirkung aller Mittel ein großartiges Auswanderungssystem organisirt und, fern von der Heimat der Intoleranz, den armen Opfern derselben eine Zuflucht eröffnet werde. Möge die Presse vor der Hand weniger die Schwierigkeit der Ausführung als die heilsame Tendenz dieser Idee fleißig erörtern und Theilnahme für dieselbe erwecken. Vielleicht wird schon die Versammlung so vieler in großer Verbindung stehender Geldmänner, die in Leipzig zur Neujahrmesse stattftndet, Hand an's Werk zu legen im Stande sein."