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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-01 · Heft 1 (1.1.1846) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 1 (1.1.1846)
Date
1846-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Diese beiden Gegensätze find es, aus welchen alle übrigen im Juden vormals und im -jetzigen fließen, und welche sich seit einem halben Jahrhundert so bedeutsam herausgearbeitet haben. Fragt man aber, wohin? Ist ein Frieden möglich zwischen solchen Feinden? eine Ausgleichung zwischen so vollständigen Negationen? Es giebt Leute, die in allen wechselnden Erscheinungen Tod und Untergang wittern, und darum, so es in ihrem Interesse liegt, lieber eine Mumie, als einen zum Sterben gehenden Menschen haben wollen. Es giebt aber auch Menschen, die überall das Leben, den neuen Pulsschlag, die neue Entwicklung — mit einem Gleickniß: die Schlange, die sich häutet — erblicken. Wir bekennen mit einem freudigen Aufblick zu Gott, daß wir zu den Letzteren gehören. Man kann es sich nicht geben und nicht nehmen. Und worauf gründest du deine Hoffnungen? fragt mich der Leser. Auf 'einen abermaligen Umschwung der Ideen, der sich in der letzten Zeit kund gethan, und dennoch schon so überzeugend vor unsere Augen tritt. Vor einem Dezennium, ja vor noch wenigeren Jahren hatte nur ein Streben in den Juden Wurzel gefaßt: nach politischer Emanzipation. Es sind kaum 10 Jahre verflossen, seitdem unser herrlicher Rieß er aufgetreten, und mit feurigem Worte die bürgerliche Gleichstellung verlangte. Von welchem Standpunkte aber ging er hierbei aus? Er hat es selbst bekannt, und in dem Thun aller seiner Mitstrebenden tag es offenbar: nur vom Rechtspunkt. Es ist Unrecht, daß die Juden nicht gleich berechtigt sind, und alles Feuer seines Geistes war darauf gewandt, dieses Unrecht zu vernichten. Man stand dabei gar nicht auf eigentlich jüdischem Standpunkte, sondern dem rein humanen; man war zwar Partei, indem man an dem Objekt und Ausgang des Prozesses betheiligt war — allein nicht deshalb unternahm man ihn, sondern weil es eine Unfreiheit in der Menschheit sei, die ausgerottet werden müsse. Die Parteinahme war zufällig, aber der Rechtsstreit nothwendig. Was aber jetzt den Juden erfüllt, worin gegenwärtig seine ganze Bestrebung aufgeht, das ist: das religiöse Moment. Die Reform oder der Konservatismus des Judenthums; die Umgestaltung der religiösen Formen, oder die Erhaltung aller, wie sie theils aus dem Gesetze, größtentheils aus der Geschichte als Sitte und Brauch heraus sich gemacht; diese sind es, welche die Geister eingenommen, die Gemüther bewegen. Das Politische und Soziale ist dafür in den Hintergrund getreten. Dieser neueste Umschwung der Ideen ist für das I irden thum von der höchsten Bedeutung, und ist das Faktum, durch welches die Ausgleichung der oben gezeichneten Momente ermöglicht wird. Er ist offenbar in Allem. Der nächste Beweis ist: daß es jetzt Parteien im Judenthume giebt. Das politische Moment ließ keine Partei zu; wenn auch scharfsichtige Orthodoxe in der Emanzipation Gefahr witterten, so sahen sie diese am Ende ohne Emanzipation auch ciutreten, und in der bürgerlichen Freiheit läßt es sich am Ende ebenso erhalten. In religiöser Beziehung waren die Richtungen der Individuen verschieden, aber Parteien entstanden erst, als das religiöse Moment zu kulminiren begann. Ein andrer, wenn auch sekundärer Beweis liegt in der Wichtigkeit, welche man wieder dem jüdischen Geistlichen beilegt. Die Wahl eines solchen entzündet oft die Geister zum Fanatismus. Als jüngst die schöne Versammlung von 100 Laien in Bü h l stattfand, war ein Hauplgegenstand — die Wahl eines Oberrathsrabbinen. Insofern nun der Rabbine der Repräsentant des religiösen Moments ist, steht man Letzteres auch hierin vorherrschen. Es ist ein alter Spruch des Aristoteles, der Mittelpunkt seines Moralsystems, dem auch Maimonides huldigt: um von einem Extrem geheilt zu werden, muß man in das andre verfallen, um von da aus in die rechte Mitte zu gelangen. Auch hinsichtlich jener beiden Gegensätze, die wir oben gezeichnet, bewährt sich dieser Spruch, und so hätten wir nach diesem Maßstabe in dem Gange des Jndenthums in der Neuzeit einen ganz normalen, zur Gesundheit führenden Verlauf. Jndeß ist hierbei doch der Weg anders anzubahnen, wie er bisher gegangen. Die religiösen Formen waren das nächste, was dem Leben oblag, und so heftete sich der Kampf an und um diese, und suchte zu kuriren, was sich so kuriren läßt, ohne den Zwiespalt in der Lehre zu beachten. Man dachte, daß, wenn jene nur in eine annehmliche Fassung gebracht sind, dieser gar nicht berührt zu werden brauche, als ein fauler Fleck, der den Streit nur vermehren könne. Hinsichtlich der Rabbinerversammlung theile ich diese Ansicht noch heute; denn eine Versammlung auf 8 oder 14 Tage kann über praktische Resultate sich einigen, nicht aber über Lehrsätze und Ansichten, und die Feststellung von Prinzipien durch sie würde entweder ein so vages Wort Hervorbringen, daß es Alles

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