Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 53 (25.12.1848)
- Date
- 1848-12-25
- Page
- Seite 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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757 §. 21. Die Standesbücher werden von den bürgerlichen Behörden geführt. Der wesentliche Unterschied zwischen der ersten und zweiten Abstimmung ist, daß die Eidesformel, die jetzt für alle Deutsche gelten soll, gleich bestimmt worden. Wenn ich eben sagte, daß sich in diesem Artikel die deutsche Nation an die Spitze Europa's gestellt, und selbst Frankreich vorangekommen, so rede ich natürlich eben nur noch von den Grundsätzen. Ob . sie auch im Leben, in der Verwirklichung so weit gelangen wird, ist eine andere Frage. Denn in der Theorie ist der Deutsche eisern konsequent, und zieht aus seinem Vordersätze alle nothwendigen Folgerungen. Darum sind überhaupt die „Grundrechte" der deutschen Berfaffung freisinniger und vollständiger als die irgend einer Nation ausgefallen. Desto inkonsequenter ist der Deutsche im Leben, und was so allgemein von ihm hingestellt worden, ist darum noch nicht verwirklicht. Wir wollen hiermit kein allgemein gehaltenes Mißtrauen aussprechen, sondern Hinweisen insonders auf Baiern. Hier halten schon die Märzbewegungen nur wenige Stimmen für Glaubensfreiheit laut gemacht, hier enthielten die königlichen Verheißungen Nichts weiter als „Verbesserung der Verhältnisse der Israeliten", und zur Erfüllung dieser Verheißung ist -noch nicht der mindeste Schritt geschehen. Hier ist es aber insonders, wo. man schon ausspricht, die von der deutschen Nationalversammlung gegebenen Grundrechte seien für Baiern nicht praktikabel, hier wird auch die Emanzipation der' Juden noch auf die größten Hindernisse stoßen, hier sind insonders die jüngsten Wahlen so ausgefallen, daß die Kammern in ihrer Majorität wenig Sympathieen dafür haben werden. Wäre erst ein so unglückliches Beispiel gegeben, dann würde es in anderen Ländern nicht an Nachfolge fehlen. Hat doch, auch Sachsen einen Vorbehalt ausgesprochen, und, wenn irgendwo, möchte man in Sachsen in Bezug auf die Juden noch sehr vorurtheilsvoll. sein. Jedenfalls war es daher ein sehr glückliches Ereigniß, daß die preußische Verfassung die Glaubensfreiheit unumwunden anerkannte. Das Uebrige müssen wir nun der Entwickelung der Verhältnisse, insonders auch den tüchtigen Kräften überlassen, welche sich unter den ' Juden aufthun werden. Im Augenblicke war es von sehr großem Nachtheile, daß sich unter den Juden so viel? demagogische Elemente vorgefunden. Wie sehr dies von den Gegnern ausgebeutet wird, haben Sie selbst oft genüg nachgewiesen. Vergebens zeigt man, daß ein noch bei weitem größerer Eheil der Juden dem Konservatismus angehört,schon seinen Verhältnissen nach angehören muß — die Gegner schlagen dies natürlich unter. In dieser Beziehung hat Ri eßer durch sein Verhalten im deutschen Parlament unendlich genützt. Mag man mit den Ansichten, auf deren Seite er stand, einverstanden sein oder nicht, für die Judenheit im großen Ganzen war es ein Segen, daß er da stand. Und dann wußte er seinen Ansichten ganz besonders eine so hohe und reine sittlich e Unterlage zu geben, einen so erhabenen und lautern Charakter zu verleihen, daß alle Parteien seiner Persönlichkeit die größte Achtung zollen mußten. Daß er dieser Achtung seine zweimalige Wahl zum Vizepräsidenten verdankte, ist bekannt. Auch dabewährte er sich, und mehr als einmal nannte man ihn „unfern liebenswürdigen Vizepräsidenten." Daß er größeren Stürmen in der Versammlung nicht vollständig gewachsen war, und er darum selbst bat, ihn nicht wieder zu wählen, hängt gerade mit seiner Natur zusammen. Persönlichkeiten, wie Mendelssohn, Rießer in Einem Jahrhundert stellen den sittlichen Werth und Gehalt unsers Stammes in das vorteilhafteste Licht. Prag, 15. Dezember. (Privatmitth.) Wenn in Ihrem Blatte mehre österreichische Korrespondenten die Gewißheit aussprechen, als ob die Emanzipation der Juden im Kaiserstaate bereits zu Ende gekämpft wäre, so kann ich leider diese Ueberzeugung nicht theilen. Wenn auch unmöglich die alten Verhältnisse bleiben konnten und können, wenn auch bedeutende Besserungen eintreten müssen und werden: so ist doch an völlige Gleichstellung nicht zu denken. Daß die Bestimmungen des deutschen Parlaments auf Oesterreich wenig Einfluß haben werden, muß ich als bekannt voraussetzen. Die Antipathieen der Völker und der Machthaber kommen darin zusammen. Die deutsche Volkspartei hat ihren Einfluß gänzlich verloren. Hierzu kommt nun, daß die Juden in Oesterreich noch zu sehr gedrückt, beschränkt und zurückgestoßen waren, als daß man sich mit Einem Male sie völlig gleichzustellen entschließen könnte. Hier hat der allmälige Uebergang, der in Deutschland, in Preußen stattfand, gefehlt; und im Ganzen steht das Volk in Bildung noch weit zurück. Strömt das Licht mit Einem Male, urplötzlich herein, so schließt sich das Auge davor.^