Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 51 (11.12.1848)
- Date
- 1848-12-11
- Page
- Seite 736 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Verzweiflung wäre, da der Großmeister sicherlich > schon um seines Ansehens willen, seine Drohung auf's Härteste verwirklichen würde. Andererseits war es den Versammelten das Schmerzlichste, den, dem sie so Vieles verdankten, der ihnen so viele Beweise der Liebe gegeben, und dessen Weisheit und Gelehrsamkeit sie so sehr bewunderten, Juda Hallevi, in so große Gefahr zu bringen. Sie machten sich den Kampf seiner, großen Seele lebendig, wenn die Treue gegen seinen König mit der Treue gegen sein Volk in Streit geriethe, und die tiefe Niedergeschlagenheit, die er empfinden mußte, wozu er sich auch entschlösse. Selbst das vergaßen sie nicht, wie eS für Israel ein unersetzlicher Verlust wäre, wenn ein so gefährliches Unternehmen den Rabbi Juda zum Sturze bringen würde. Einer der Anwesenden, der in Hispanien gewesen, schilderte mit lebhaften Farben das Glück, den Wohlstand,, die Achtung/ welche die Söhne Juda's in jenem Lande genössen, während sie in fast allen an- . deren > gedrückt, verfolgt, verachtet seien; und wie leicht über, alle spanischen Juden hereinbrechen könnte der Sturm, vor'dem die Eiche Hallevi's gefallen wäre. Aber durch diese Reden wurde die Rathlosigkeit nur desto größer. Bald trat eine Pause ein, wo Jeder sann. Niemand sprach. Da begann ein Greis, der längst das Licht der Augen verloren hatte, selten sprach, aber zu den geachtetsten Lehrern gehörte: „Liebe Brüder! Wenn Esau listig ist, und nicht blos mit Gewalt, sondern auch mit List Jakob zu seinem Sklaven-zu machen sucht, was muß Jakob thun? Er muß noch listiger sein, damit er nicht dienstbar werde zu dem,, was sein Verderben bezweckt. Mein Lehrer, sein Andenken zum Segen, Rabbi Zwi, pflegte zu sagen: es geht Nichts über genaues Erwägen dessen, was in unserm Belieben steht, und was nicht in unserm Belieben steht. Diesem Spruche laßt uns folgen. Zuerst: der Großmeister, sein Name gehe unter! verlangt von uns, an Juda Hallevi ein Schreiben zu richten, wes Inhalts wisset Ihr.. Steht es in unserm Belieben, das Schreiben zu verweigern? Nein! denn das Verderben, womit er uns in weiter Ferne droht, würde er morgen schon über uns bringen. Also das steht fest, das Schreiben müssen wir ihm geben. Steht es aber in unserm Belieben, noch etwas Weiteres zu thun, wodurch wir uns vor den übelen Folgen schützen können? Allerdings. Nun, so thun wir dies. Was können wir thun? Wir senden eine treue, einsichtsvolle Person an Juda Hallevi, der ihm die ganze Sachlage genau schildert; wie es gekommen, daß wir das Schreiben an ihn richten mußten, und wie er wenigstens dem Scheine nach Alles thun müsse, um dem Orden zu gefallen, und uns dadurch zu schützen; wie er aber sich und sein Ansehn nicht gefährden solle, und wir lieber ein großes Unglück tragen wollten, als sein Verderben verschulden. Mag dann Juda Hallevi thun, was ihm seine Klugheit und Gottesfurcht eingiebt; mag dann der Allerheiligste, gelobt sei er! uns gnädiglich.leiten; wir haben dann jedenfalls Zeit gewonnen, und wer diese gewinnt, dem kann Gott helfen! Was meint Ihr hierzu?..." Ein Beifallsgemurmel lief an den Bänken herum. Der Nachbar besprach sich mit dem Nachbarn, endlich hob Rabbi Mo'ise an: „Verehrter Rabbi Joseph, ich glaube, Ihr habt das Allerbeste gerathen, und so klar, daß es Jedem einleuchtet." Er sah sich um. Niemand widersprach. „Wen sollen wir aber senden? ..." Rabbi Joseph erwiderte: „Daß Keiner aus unserer Mitte gehen darf, ist klar. Denn würde er in der Ferne gesehen, oder was Noch näher liegt, würde er von den Spionen des Großmeisters hier vermißt, so wüßte der .gkdich, was geschehen." „Auch das ist richtig." „Nun gut," fuhr der-fort, welcher heute der gute Engel der Versammlung zu sein schien; „so weiß ich auch Rath. Es ist seit einem Monat ein junger Mann hier, aus Hispanien hergereist. Mein Auge hat mir längst den Dienst aufgesagt, so daß ich seines Angesichts Züge nicht sehen kann. Aber desto feiner ist das Gefühl, welches mir der Ton einer Stimme, irgend ein Schall, ein Klang verursacht. Ich habe in den dreißig Jahren meiner Blindheit gelernt, den Menschen aus seiner Sprache zu erkennen, nicht aus den Worten, die er zusammensetzt, und die oft sagen das Gegentheil von dem, was der Mensch denkt und will, sondern aus. den Lauten und Tönen, aus denen er seine Worte zusammensetzt. Ihr staunt, aber es ist so. Gott giebt auf der einen Seite, was er auf der andern genommen. Doch zu dem jungen Manne zurück. Den habe ich, da er bei meinen Kindern Wohnung genommen, genau beobachtet. Und ich, Rabbi Joseph, der Sohn Alexanders, ich der zweiundneunzigjährige Greis, sage Euch, seitdem mein Ohr, wie der h. Psalmist sagt, der Herr gegraben hat, seitdem habe ich noch keines Menschen Ton gehört, wie den Seinen. So mächtig ist seiner Stimme Klang, daß sein Geist stärker sein muß und gewaltiger als der eines Lebenden, und doch so süß und voll, so gelenkig und biegsam, daß