Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 50 (4.12.1848)
- Date
- 1848-12-04
- Page
- Seite 711 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m Wie können allerdings hierzu Nichts thun, als abwarten, bis sich auch dieses Hochwasser verlaufen, und die Strömung ihr geregeltes Bett wieder eingenommen hat. Wissen wir doch, daß droben über dem Sternenzelt der Lenker und Hüter nicht schlummert und nicht schläft. Während wir die Dinge und ihren Lauf kurzsichtig kaum zween Schritte übersehen, gewahrt Er die Jahrtausende, und kennet, und bestimmt ihren Inhalt. Während wir streben und ringen, weiß Er das Ziel und die Vollendung. Auf Ihn wollen wir unsre Sache stellen. ...-Die wirren Verhältnisse der menschlichen Dinge nehmen den Menschen ein, schließen ihn ab auf der Erde, und entziehen ihm den Blick nach oben. So sollen alle diese Vorgänge uns Mahnungen der ernstesten Art sein; wer thut, was seiner Pflicht ist, wer dem lebt, was seiner Ueberzeugung ist: der sei ruhig, und vertraue dem Herrn — Er wird's vollbringen! Ja, wenden wir uns nach innen, das ist: nach oben. Es ist kein leeres Wort, daß dem modernen Menschen die Anhänglichkeit, der Anschluß an Gott fehlet, und daß er darum den Boden verliert, auf dem allein Gedeihen zu finden. Verbessern wir dies an und in uns — dann werden wir nicht schwanken und nicht bangen. Der droben waltet, sei unser Ankergrund. Dies erkennen wir, sofern wir den Gang der menschlichen Dinge überschauen, daß es sich bei ihnen handelt um ein immerwährendes Hin- und Herwogen, um das Geltendwerden bald dies einen, bald des andern Extrems, um den Kampf der Gegensätze. Ein dauerndes Festhalten der Mitte gelingt niemals; der schwache Mensch fühlt sich fortgerissen auf der Bahn, die er betreten hat, selbst wider Willen, und plötzlich sieht er sich an einem Ende, das er nicht im Sinne gehabt. Wohl, da wir uns diesem niemals entziehen können, so gilt es zuletzt nichts Anderes als den Weg zu seinem Gotte nicht zu verlieren, und den Zusammenhang mit seinem Gotte nicht aufzugeben. .Sonst sind wir Schwimmer, die die Welle dahinträgt, ein Nachen ohne Kompaß und Steuer und mit aufgerollten.Segeln, die jeder beliebige Wind nach seiner Richtung fortschleudert. Wer wahrhaft an Gott festhält, dem sind die ewigen Gesetze der Sittlichkeit in's Herz geschrieben, ihnen folgt er, ihnen wird er nicht untreu, und hinter diesem Schilde trägt er, was nicht zu vermeiden ist. Der Herr aber sendet uns harte Prüfung, ob wir darin feststehen, ob wir Wahrheit haben, oder nur Worte.... Die Synode. Es Ist keine geeignete Zeit zur Besprechung religiöser, oder gar theologischer Fragen. Wo es sich so sehr um die nächste Existenz dreht, wo die, ganze Gesellschaft in fortwährendem Schwanken und Gahren begriffen ist, jeder Tag eine neue Chance bringt, und in allem diesem des Einzelnen Subsistenz geschmälert oder gefährdet erscheint: da ist es Keinem um's Herz, Fragen anderer, selbst höherer Art, zu beantworten. Wenigen ist es gegeben, sich mit festem Entschluß von Allem abzuschließen, und in Widerwillen vor dem Treiben der Parteileidenschaften Dinge vorzunehmen, die sie beschäftigen und befriedigen. Diese sind zu beneiden. Demungeächtet dürfen wir die Anregung nicht fallen - lassen. Wir dürfen das Interesse nicht ganz erkalten lassen; wir müssen immer wieder darauf Hinweisen, daß es außer der-politischen Bewegung noch ein Anderes giebt, von dem wir uns nicht ganz und gar entfernen dürfen, ja das uns aufrichten muß, wollen wir nicht der Muthlosigkeit und der Trägheit verfallen. Es giebt Dinge, welche nicht allein an und für sich, durch ihre reellen Erfolge sich empfehlen, sondern die auch angethan sind, das schlummernde Leben zu wecken, die Geister zu spannen, und ihr Interesse rege zu machen, lebendig zu erhalten. Ist es dergleichen, dann ist der Werth solchen Gedankens ausgemacht, und kann nicht mit der Krämerelle des Resultats gemessen werden. Daß das Judenthum solcher anregenden Momente, solcher Stimulantia bedarf, ist seit lange erkannt. In den früheren Jahrhunderten war es zu sehr zur Leblosigkeit herabgesunken; das Formwesen hatte sich in seiner äußersten Ausbreitung und Verzweigung erschöpft; und weil es dann nicht einmal mehr der Geist der Kritik beleben konnte, mußte die Stockung eine, vollständige werden. Jetzt trat nun die Judenheit aus der Sackgasse des Weltlebens, in das sie verbannt war, heraus; alle Momente der Bildung, der Geisteskultur, des weltlichen Treibens drang auf sie ein und durchdrang sie: was konnte da das Schicksal des schlummernden, erstarrten Judenthums sein? Es war natürlich, daß da neue Lebenselemente hineinkommen mußten, sollte es nicht zum Tode erschlaffen. Sie kamen. Zuerst die Reform des Gottesdienstes, beginnend mit der deutschen Predigt. Dann die Reform des Zeremonia'lgesetzes. Hierin der Kampf um die Giltigkeit der Tradition oder nicht. Hierzu die jüdische Presse, insonders die Journalistik. Dann