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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-12-04 · Heft 50 (4.12.1848) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 50 (4.12.1848)
Date
1848-12-04
Page
Seite 710 (sequence 2)
Language
German
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710 düng in seiner Vollständigkeit auf dem Kampfplatze erscheinen werde? Es ist erschienen, und Viele schüttelten das Haupt: das hatten wir nicht gemeint! und Viele schraken zurück, und wollen sich lieber mit Allem begnügen, ehe sie die Konsequenzen dessen, was sie selbst so lange erstrebten, zugeben möchten. Sehen wir dabei äußerlich hin, so können wir nicht leugnen, daß die Sache der Freiheit und Gleichstellung sich sofort in Extremen darstellte, und mit Auswüchsen zu Tage kam, welche die Sittlichkeit verletzten, und die dem nothwendigen Gesetze der Menschheit, der allmäligen Entwicklung, Hohn sprachen. Nichts natürlich, als daß hierdurch dem gegnerischen Prinzip eine bedeutende Kraft zuwuchs, und daß es jetzt wieder die Macht hat, seinem Extrem nachzuhangen. Darum stehen wir jetzt an einem neuen Wendepunkt. Werden die Sieger Einsicht genug haben, und ihren Sieg mit Mäßigung benutzen? Werden sie die großen Prinzipien der Zeit, die sie laut genug vernommen haben, berücksichtigen und ihnen Rechnung tragen? Werden sie dann im Stande sein, den Frieden der Welt auf eine längere Zeit wieder zu festigen? Oder werden sie zu dem Entschlüsse kommen, alle ihre Macht anzuwenden, um den frühem Zustand wieder herzustellen? und wenn es nöthig wäre, Kerker und Blut dafür nicht zu schonen? In. diesem Falle ist es vorauszusehen, daß sie sich durch ihren Sieg eine neue, zukünftige Niederlage bereiten, und daß früher oder später ein neuer, heftigerer Kampf erstehen werde. Dies ist die Frage und die Antwort darauf muß abgewartet werden. Die Geschichte giebt ihre Warnungen ab. Ob man sie hört, ist ein Anderes. Die Geschichte lehrt, daß sich Grundsätze, die in's Blut der Menschheit eingedrungen, nicht unterdrücken lassen; Personen können beseitigt werden, Ideen wachsen desto lebhafter hervor, je mehr .sie mit Gewalt eingezwängt werden. Dies haben die jüngsten Jahre nachdrücklich genug gepredigt. Wenn die obherrschende Macht dies versteht, wenn sie in ihr Rechenexempel die unabweislichen Forderungen der Zeit als bedeutsame Faktoren aufzunehmen weiß — dann wird sie Großes vermögen, und tiefer als je in den Schooß der Zeit ihre Wurzeln schlagen. ES ist nicht zu verkennen, daß ein großer Theil des Volkes sich nach Ruhe sehnt, heraus aus dem Kampfe will, und daher geneigt ist, eine Vermittlung anzunehmen. Wer ihm die Vermittlung bringt, wer eine Versöhnung der frühem Macht mit den Forderungen der Zeit, so weit sie nur haltbar ist, darbietet, der ist ihm willkommen. Rückwärts wollen nur Wenige, aber ein entschiedenes Vorwärts beliebt auch nurWenigen. So ist die Lage dieser Tage, die vielleicht in dem Augenblicke, wo unsere Leser dieses Blatt vor sich haben, einer entschiedenen Wendung bereits naher getreten ist. In dieser Stunde ist sie es noch nicht. Auch für unsere Glaubensgenossen wird die Richtung, die eingeschlagen werden wird, von großer Bedeutung sein. Als im Marz der erste Sturm kam, da brachte er auch im ersten Augenblick das Gestöber der Judenverfolgung in manchen Gegenden mit sich. Am Rhein, - in Baden, zum Theil in Franken, in Ungarn, Böhmen und an einigen Punkten Schlesiens haben die Juden damals viel gelitten. Wird dieser zweite, dieser Herbststurm ebenfalls damit beginnen, und Maßregeln züm Vorschein bringen, die auf uns fallen? Auch hier kommt's darauf an, ob das Extrem hervortritt. An Anregung, an Anstachelung fehlt es nicht. Es geht keine Nummer der „Neuen Preußischen Zeitung", der s. g. „Kreuzzeitung" vorüber, ohne daß sie nicht unumwunden Judenverfolgung predigt und fordert. Sie wiederholt täglich, daß die Juden die Revolution gemacht, und, so widersinnig dies ist, so weiß man doch, was unaufhörlich wiederholt wird, das wird am Ende geglaubt, und so kann sich zuletzt der angesammelte Haß auf unsere Häupter entladen. Ueberallhin verbreitet man mit der größten Geflissenheit die Meinung, die Juden seien allesammt Republikaner, die Juden nähren Unruhe, Aufstand — was helfen da Proteste, Widerlegungen? was nützen Versicherungen? Weiß man es nicht aus alter Zeit, daß kein Ammenmährchen so abgeschmackt ist, es wird, wenn es nur in den Augen der Zeitgenossen einen Makel auf die Juden wirft, und eine Veranlassung, eine. Beschönigung zu ihrer Verfolgung abgiebt, es wird geglaubt? Ob man hen Juden nachsagt, sie haben die Brunnen vergiftet, sie haben die Hostie durchstochen, sie haben Kinder geschlachtet',' oder sie haben die Revolution gemacht — das ist denen ganz gleich, welche ihren Haß an den Juden kühlen wollen, welche damtt irgend eine Sache schänden, und. die Wuth der Welt auf die Juden richten wollen. Weil die Juden in früherer Zeit gedrückt waren, weil die Revolution ihnen die Fesseln zerbrochen hat, die man ihnen immerfort erhalten wollte : darum setzen sie voraus, daß die Juden Werkzeuge derselben gewesen sind; und weil sich einige Juden unter Millionen Christen daran betheiligt haben, behaupten sie geräuschvoll, die Juden haben allein sie gemacht.

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