Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 49 (27.11.1848)
- Date
- 1848-11-27
- Page
- Seite 703 (sequence 7)
- Language
- German
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703 welche die kirchlich-religiöse Entwickelung der übrigen Welt nahm. So wurde in der Reformationszeit des Christenthums, wo dieses sich von dem Formalismus der katholischen Kirche zu befreien strebte, der Formalismus des Judenthums gerade in die extremste Spitze getrieben und trat in potenzirter, verstärkter Gestalt hervor. Ob dies aus Scheu vor dem Einfluß der christlichen Bewegung geschah, so daß sich ein Solcher, wenn auch in negativer Weise, dennoch geltend machte, , ist zweifelhaft. Möglich ist auch, daß im Judenthum selbst eine Auflehnung gegen den überlieferten Formalismus bemerkbar wurde, da die erweiterte formelle Ausbildung des Judenthums mit der vorhergegangen philosophischen Entwickelung desselben wenigstens nicht im Einklänge steht. Spater, als die Juden ansingen, auch in politischer und sozialer Beziehung mit der übrigen Welt in Verbindung zu treten, konnte natürlich eine Berührung von den bewegenden Ideen der Zeit nicht ausbleiben, und wie der Einfluß dieser sich auf die Theologie überhaupt äußerte, in derselben oder in ähnlicher Weise mußte er sich auch auf das Judenthum geltend machen. Dies hat sich durch die neuere Geschichte des Judenthums bewährt. Dennoch ist es auffallend, wie eine Erscheinung der Neuzeit, welche freilich mit ihren Wurzeln bis in die ersten Anfänge aller Religionsgeschichte hinaufragt, sich in gleicher Weise im Judenwie im Christenthum offenbart. Wir meinen den Kampf, die Apathie gegen die Geistlichkeit. Im Christenthum ist dieselbe erklärlich aus der Bedeutung, Stellung und Tendenz der Geistlichen, im Judenthum aber sind diese diametral entgegengesetzt. Wenn auch die mosaischen Priester einen besondern Stand bildeten, so waren diese einmal in Bedeutung und Tendenz verschieden von dem Klerus des Christenthums, und dann auch sind die Rabbiner unabhängig davon und ganz außer innerer Verbindung mit ihnen. Die Rabbiner bilden keinen abgesonderten Stand, sondern waren von jeher die Religionslehrer Israels und nur durch ihr ausgezeichneteres Wissen und das Vertrauen des Volkes berufen, wie aus ihm selbst hervorgegangen. Da ist keine Spur von mystischer Beziehung, ihre Weihe hat nur eine wissenschaftliche Bedeutung, und in alter Form (nx^u.v), wodurch sie wenigstens äußerlich der christlichen Priesterweihe Handauflegung) gleichen würde, besteht dieselbe jetzt auch nicht mehr. Sie galten in ihren Lehren und Aussprüchen auch nicht einmal als unfehlbar (infallibilis)r davon zeugt die Geschichte des Judenthums, seiner Schulen und Literatur. Sie mußten sich den Widerspruch gefallen lassen, sowol in ihren amtlichen Entscheidungen (kasuistischen Dezistonen), wie in ihren öffentlichen Vorträgen/und hatten von den gelehrten Laien, wenn wir sie so nennen wollen, oft viel zu dulden. Hieraus geht schon hervor, daß ihre Tendenz nicht die der Verdummung des Volks gewesen sein kann, wie dies auch den ausdrücklichen Grundsätzen des Judenthums widersprechen würde. Die Ideen, welche das Judenthum bewegen, waren zwar zu verschiedenen Zeilen verschieden, aber darin waren sie sich gleich, daß sie stets das Gemeingut des Volks sein sollten. Es war gerade stets das Bestreben der Rabbiner bis auf die Neuzeit, das Torastudium und den Sinn für die sich daran knüpfende religiöse Forschung zu verbreiten, und die Klage, welche sie anstimmten, galt dem allmäligm Aufhören und Verschwinden desselben. Ganz anders im Christenthum, wo die Bibel und das Verständniß derselben dem Volke verschlossen bleiben sollte. — Daß die Alten sich nicht immer gleich den Fortschrittsideen der Neuzeit anschlossen, ist psychologisch gerechtfertigt; dafür haben wir auch allgemeine und spezielle Analogien. Aber dies hatte keine retrograde oder stabile Bedeutung; der Kampf gegen den Formalismus des Judenthums, obgleich ein alter, war in seinen neuesten Erscheinungen ein zu schroffer, gegensätzlicher. Wenn hierbei Fehler begangen wurden, so lagen diese nicht in der allgemeinen Wesenheit der Rabbiner, welche es ihnen etwa vorschriebe, von der fortschreitenden Entwickelung des Judenthums zu abstrahiren, oder dieselbe gar zu hemmen, sondern waren rein persönliche, individuelle. Man war gleichsam blind gegen die Bestrebungen der Zeit und die Folgen ihres Zurück- Haltens. Man" war dies freilich aus Eifer für das Judenthüm, aber im Eifer wurde, wie gewöhnlich, düs Rechte verkannt und verfehlt. Der Jndifferentismus, wenn er auch eine Geburt der nächsten Vergangenheit ist, so wurde der Same dazu doch schon früh eben da ausgestreut, als.die Parteien sich ignorirten. Man glaubte die Religion Gottes zu erhalten, und arbeitete an ihrem Untergange, man glaubte, den Tempel Gottes aufzubauen, und riß ihn fast vollends nieder. Diese Fehler wieder gut zu machen, erfordert zwar eine Umgestaltung, aber keine Verleugnung der jüdischen Institutionen. Wir wollen diese deutlicher-