Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 48 (20.11.1848)
- Date
- 1848-11-20
- Page
- Seite 693 (sequence 9)
- Language
- German
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Es heißt S. 4: „Wie Ihr, jeder für sich, das Judenthum auffaffet, seine Gebote beobachtet, seine Traditionen beurtheilt, bleibe Euch vollkommen überlaffen, Euer Gewissen hat allein hierüber zu richten, seid Ihr doch alle nur hinfällige Blatter am ewig fortblühenden und fruchtbringenden Baume der-jüdischen Gotteserkenntmß. An seinen geschichtlichen Wurzeln aber mit Euerm zerstörenden Gifte zu nagen, dürfet Ihr Euch nicht vermessen, und jene Wurzeln sind die Gemeinden." Ferner: „in der Aufrechthaltung der jüdischen Gemeinde nach ihrer unveränderten, traditionellen Organisation liegt das einzig sichere Schutzmittel gegen die äußeren und inneren Gefahren des rational-religiösen Judenthums, welches einerseits, bei der den Einzelnen gewährten absoluten Gewissensfreiheit, und andererseits bei der Zerstreuung des jüdischen Volkes unter alle Nationen, nicht die Individuen, sondern die Gemeinden als seine Elementareinheiten zu betrachten hat." Dies sind die beiden Sätze, um die sich Alles dreht,, und die man darum etwas näher in's Auge fassen muß. Was versteht der Verf. unter „der jüdischen Gemeinde nach ihrer unveränderten, traditionellen Organisation"? Versteht er darunter die Gemeinde in ihrer Verfassung und ihrem äußern Bestände? Wo ist da die unveränderte, traditionelle Organisation? Was hat es überhaupt für „die jüdische Gotteserkenntniß" für einen Werth, ob 3 oder 9 Vorsteher autokratisch zu Werke gehen, oder 12 oder 20 Repräsentanten erst zu fragen haben? Also dies nicht, dann meint er den Kultus,, der in seiner unveränderten, traditionellen Organisation erhalten, werde müsse. Und da will der Verf. noch von „absoluter Gewissensfreiheit" reden, wenn in einer Gemeinde z.B. V6 noch als wahre Orthodoxe ihre Befriedigung. in den Piutim, im Schreien und Toben, im Mizwotversteigern, im auf Säcken Lagern am Tischebeaf rc. rc. finden, 5/6 dies aber völlig verlebt und andachttödtend, aber nicht-weckend finden, und diese ^/s sind gezwungen, entweder an einem solchen Gottesdienst Theil zu nehmen, oder — was in der Regel der Fall ist — an gar keinem Gottesdienst Theil zu nehmen, bis endlich astes gottesdienstliche Bedürfnis geschwunden ist, und freilich! die'besten Reformen das, durch die 50jährige Heuchelei des jüdischen Kultus erstickte Feuer nicht wieder zu beleben vermögen — da will der Verf. noch von absoluter Gewissensfreiheit des Individuums reden, wenn z. B. die Gemeinde es zwingt, den Vorschriften der. Chaliza und des Get in Formen zu genügen, die das Gefühl empören? Fürwahr, behauptet was Ihr wollt, sagt, das Judenthum kennt keine Gewissensfreiheit, sagt, wer nicht Kappores schlägt, ist ein Sünder, wer am Dersöhnungstag nicht in Socken geht, für den ist dieser Tag ohne Kraft und Weihe —7 nur wollet nicht schwarz weiß macken, und von absoluter Gewissensfreiheit sprechen, wenn die jüdische Gemeinde eine Awangsanstalt ist, in welcher keine freie Regung stattsinden darf, wo eine unveränderte traditionelle Organisation die Söhne Abrahams zwingen soll in Ewigkeit das zu thun, was dem Rabbi Diesda und dem Ehasan Jenesda gelang den Juden aufzudeuteln, und sich nicht anders ihrem Gotte zu nahen, als wie es den Rabbinen bis vor drei, vier Jahrhunderten gefiel. Wird sich aber der Verf. dahinter flüchten, daß er nicht die Werke der späteren Rabbinen meine, sondern was die alte echte Tradition verordnet — dann soll er uns auch einmal erst kritisch sichten, was die wahre, alte^ echte Tradition ist, aber genau, sicher, klar, unzweifelhaft, denn wir wollen uns nicht foppen lassen, wenn es gilt, uns an Etwas „unveränderlich" binden zu lassen. Alsdann ist es doch auch einmal an der Zeit, gegen — die Erbärmlichkeit zu protestiren, welche sich allzuoft geltend macht, die Juden verächtlich zu behandeln, wahrend sie das Judenthum hochzustellen versucht und vermeint, welche sagt, Ihr seid doch nur hinfällige Blätter, auf deren Abfall gar Nichts ankommt, wenn nur der Baum bestehen bleibt. Als wenn nicht Jeder weiß, daß die Blätter zu einer Zeit abfallen, wo der Baum seine Treib- und Tragkraft verloren hat, im Spätherbste, im Winter, so daß das Abfallen der Blatter nicht in diesen, sondern doch nur im Baume selbst die Schuld und Ursache findet. Nein! eine Religion ist nicht allein dazu da, in einer größern oder kleinern Zahl nur zuexistiren> wobei es nicht einmal ankomme, ob die Mehrzahl der Individuen mehr dem Namen als dem Wesen nach anzurechnen sei — nein! eine Religion ist auch dazu, und ganz besonders dazu da, in den lebenden Individuen, die ihr angehören, lebendig zu sein, ihnen den Weg zu ihrem Gotte zu öffnen, sie diesem zuzulekten und sie so züm Heile zu bringen. Wenn aber diese Religion in Formen besteht, welche die Individuen nach ihrem ganzen Bildungszustande abschrecken, zurückstoßen — dann kann sie ihr Werk nicht vollführen, und früher oder später wi;d sie ein Baum, dem die Blätter abfallen, weil er ihnen keinen Nahrungssaft mehr zuführt. O, blind seid Ihr nicht, wollet es aber sein: könnet Ihr denn die ganze deutsche Jugend Israels beschuldigen, 48*