Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 48 (20.11.1848)
- Date
- 1848-11-20
- Page
- Seite 687 (sequence 3)
- Language
- German
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887 durch doch wieder um einen Schritt aus der verjährten Anschauung herausgehoben worden ist, die ja das weibliche Geschlecht für ein religiös-unmündiges erklärt. Das talmudische t-ni? bip mußte dem biblischen 'lifl ta^bi* ■’ö» Platz machen, nach welchem der Herr .durch die ihn lobpreisenden Kindlein — ohne Unterschied des Geschlechts—sein Reich begründet, und da die Mädchen neben dem Kantor am Betpult stehen; so ist hierdurch einem argen Vorurtheil ein starker Stoß gegeben. Nach dieser mehr äußerlichen Zurechtbildung des Gottesdienstes wurde zu seiner innern Reform geschritten. Diese konnte Anfangs nur eine negative sein; denn aus dem bunt zusammengewürfelten Bestand der Gebete, die, theils von mystischem Nebel getrübt, theils vom Staub vergrabener Zeiten verdeckt, das Bedürfnis des Herzens nicht mehr ^befriedigen, mußte zuvor gesondert, beziehungsweise weggeschafft werden, ehe man ein positives Moment hineintragen konnte. Hiernach fielen aus: jekum purkan, bame madlikin, pittum haketoret, ab harachamim und andere derartige Gebetstücke, die jeden Bezug zur Gegenwart eingebüßt haben; ebenso alle Jozerot und Maarabot an den Feiertagen und Sabbaten, nur am Rosch haschana und Jom Kippur durfte das Piüt nicht gänzlich wegbleiben, weil man hinlänglich zu sorgen noch nicht im Stande war, auf welche Weise die für den Gottesdienst an diesen Festen anberaumte Zeit ausgefüllt werde. Aber auch das positive Moment sollte der Reform nicht fehlen, und so begann man deutsches Gebet und Lied in den Gottesdienst einzuflechten, und waren die für das Neüjahrs- und Versöhnungsfest von vr. Cohn verfaßten deutschen Gebete von so außerordentlicher Wirkung, daß anzunehmen ist, unsere Muttersprache werde in dem dortigen israelitischen Tempel in nicht gar zu ferner Zeit mehr, zu ihrem heiligen Rechte gelangen. — Auch in Ratibor hat der Geist der Neuzeit mit seinem Fittig gerauscht; aber Schade! daß es-beim bloßen Rauschen geblieben ist. Von den piis Manibus der verschrumpften Vergangenheit wurden der Chorgesang und der der Gemeinde während der Toravorlesung zugewandte Schulchan als einzige Konzessionen dem Leben, gemacht; ein tief nach innen greifendes reformatorisches Element ist in dem Gottesdienste noch nicht wahrzunehmen, wenn man-auch anerkennen muß, daß der Rabbiner Levi den Bestrebungen der Gegenwart gern Vorschub leistet. — Peiskretscham schreitet ebenfalls rüstig vorwärts. Hier ist schon mehr als in letztgenannter Gemeinde geschehen. Der Rabbiner Levisohn hat es allen übrigen Rabbinern Oberschlesiens vorausgethan, indem er der Erste war, der den Gottesdienst aus dem verkrüppelten Zustande herausriß. Zwar ist diese Reorganisation nur eine theilweise geblieben, weil sie das deutsche Gebet ausschließt, und Herr L. auch gar nicht den Willen zeigt, dessen Einführung je zu gestalten. Denner behauptet in seinem „Mekore Minhagim" *), ' daß man nur in der hebräischen Sprache jedem ihrer Worte einen individuellen Sinn unterzuschieben im Stande sei, und bleibt er uns auch den geistreichen Beweis für diese Behauptung nicht schuldig; allein nicht Jeder ist weder so geistreich ein solches subtiles „Pschettel" zu kombiniren, noch ist das Gebet zu solchen feinen Klügeleien des Verstandes da, als vielmehr den inneren, anwallenden Strömungen desGemüthes einen Ausdruck zu verleihen, und dieses ist die Muttersprache als die analogste Form des Gefühls und des Gedankens allein im Staride. Wir hoffen indeß, daß Herr L., der die Observanz zum Lheil aus dem Gotteshause gewiesen hat, einen Schritt weiter gehen werde, und dem deutschen Element das ihm gebührende Anrecht auf das Gebet verschaffen. — In Gleiwitz, auf diesen noch schwach gepflügten Boden, scheint der jüngst angestellte Rabbiner vr. Hirschfeld ein scharfes Furcheisen anwenden zu wollen; wozu wir ihm Glück wünschen. Schon hat er eine wesentliche Umwandlung im Gottesdienste vorgenommen und das dumpfe Grollen einiger Zeloten hat bislang noch nicht gewagt in laute Klagen auszubrechen. Was wird wol der Rabbiner zu B. zu solchem glaubensmörderischen Treiben sagen? Vielleicht wirkt die-Nähe beider Oerter auf die' Versöhnung dieser heterogenen Prinzipienträger. — In Rosenberg wird deutsch gepredigt. Köln, 5. November.- Die in No. 42 d. Bl. besprochenen Drohungen gegen die zu Gesecke abzuhaltende 8te Konferenz jüdischer Lehrer haben wöl Aufmerksamkeit genug erregt, um nicht folgenden Artikel darüber aus der Köln. Zeit, zu entnehmen: Wenn es in der Gegenwart mehr denn je Noth thut, Einigkeit ünd Eintracht zu befördern, so muß . *) Seite 16.