Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 48 (20.11.1848)
- Date
- 1848-11-20
- Page
- Seite 686 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225600--09800-3238083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
anstalten stehen unter Aufsicht eigener/ vom Staate ernanter Behörden. Die Leitung der äußerlichen Angelegenheiten der Volksschule und die Wahl der Lehrer steht der Gemeinde zu. Den religiösen Unterricht besorgen und überwachen die betreffenden Religipnsgesellschaften. Art. 24. Die Mittel zur Errichtung, Unterhaltung und Erweiterung der öffentlichen Volksschulen werden von den Gemeinden, und im Falle des nachgewiesenen Unvermögens, ,vom Staate aufgebracht. Die auf besonderen Rechtstiteln beruhenden Verpflichtungen Dritter bleiben bestehen. In der öffentlichen Volksschule wird der Unterricht unentgeltlich ertheilt. Art. 25. Ein besonderes Gesetz regelt das ganze Unterrichtswesen. Der' Staat gewährt den Volksschullehrern ein bestimmtes auskömmliches Gehalt. Aus Qberfchlefien, 31. Oktober. (Privatmitth.) Alle Welt macht jetzt Politik, nur wir nicht. Wir sind liebe, feine, stille Menschen und kümmern uns nur um das, was mit unserm Interesse eng verwachsen ist; Politik aber, was bringt das ein? Ja aus- und weggebracht hat sie uns unsere Kartoffeln, unsere Ruhe, unfern Spiritus und weiß Gott was noch Alles sonst. Darum hübsch die Welt, Welt sein gelassen und Oberschlesien, Oberschlesien. Ist das nicht gesunder Menschenverstand? O man möchte verzweifeln über diese verknöcherte Zähigkeit, die bei den Schmerzkrämpfen der Gegenwart keine Miene verzückt und mit unerschütterlicher Gleichgiltigkeit der stürmischen Fluth wogender Meinungen gelassen zusi'eht. Und wie in der Politik 'so in der Religion. .Da gehen sie herum die blutlosen Gestalten des Zionbürgerthums und verleugnen die Ereignisse, von welchen sie selbst getragen werden, verleugnen den Geist, der das Weberschifflein unermüdlich rudern läßt durch die Fadengewinde der Zeit, und predigen die heillosen Lehren des Separatismus in Tempel und -Haus, ohne dem Leben, der strengen Wirklichkeit Rechnung tragen zu wollen. Vielleicht nirgend. mehr in Deutschland drückt die unheimliche Schwüle vererbter Vorurtheile so sehr auf den freien Gedanken, wie hier in unserer Provinz. Jeder Lappen der Vergangenheit, den die Gegenwart als unnütz von sich geworfen, wird sorgfältig aus dem Schutt hervorgesucht und unserer lebensfrischen Zeit als vermorschte Reliquie umgehangen; man scheint sich in der Verbindung der augenscheinlichen Gegensätze von Sonst und Jetzt gar sehr zu gefallen und wer z. B. den würdigen Rabbi zu Mz. sehen und hören möchte, der würde glauben ein verzerrtes Jammerbild zu schauen, -das sich Urplötzlich aus längst verschwundenen Zeiten in unsere Tage hineingestürzt hat; so wunderlich fremd ist Alles an ihm, was er thut oder spricht. Doch nicht über diese Seite unserer „frummen" Provinz will ich heute Bericht erstatten; ich werde diesmal den religiösen Fortschritt, wie er sich in den einzelnen Gemeinden kundgiebt, an die Oeffentlichkeit bringen — in der guten Absicht, damit die Presse das hier und da aufgetau'chte Licht in die Augen der müden Schläfer treibe, um sie aufzurütteln und zur Nachahmung anzuspornen. Wir sprechen zuerst von Oppeln. Wie überall so auch hier war es der Gottesdienst, der dem modernen Zeitbewußtsein widersprechend, an allen jenen Uebeln krankte, die ihn zu keiner. Andacht und Weihe kommen ließen. ^Denn da die meisten Gebete ihren innern, geistigen Zusammenhang mit dem Menschell der Gegenwart verloren hatten, so konnten sie auch nicht mehr einen bewältigenden Einfluß auf das Herz gewinnen und dadurch daß die Art und Weise des alten Gottesdienstes jedem angebornen ästhetischen Gefühle Hohn sprach, so mußte auch das noch wirklich erhebeyde Moment in den Gebeten einen ungemeinen Abbruch erleiden. Der dortige Rabbiner Dr. Cohn suchte nun vor Allem den mehr formalen als realen Inhalt des Gottesdienstes zu si'xiren und erst, nachdem jener festgestellt war, bemühte er sich auch diesen zu bestimmen. Bald schwanden die Mizwotversteigerungen und Mischeberachs aus dem Tempel, das lärmende Durcheinander wich bald einer gewissen Ordnung und Stille und so war wenigstens von außen die Vorbereitung getroffen, einen bessern Geist nach Innen walten zu lassen. Den Chorgesang einzuführen, hielt Anfangs schwer. Da die Knaben, der großen Mehrzahl nach, das Gymnasium besuchen und dadurch den sabbatlichen Gottesdienst versäumen; so hätte aus den Chor gänzlich verzichtet werden müssen, wenn man nicht zu einem Mittel greifen wollte, das, obwpl sehr nahe liegend, dennoch von vielen Gemeinden aus bloßem Vorurtheil nicht angewandt wird. In O. zog man die die Schule besuchenden Mädchen mit heran und. durch deren Mithilfe gelang es, jene unmelodischen Weisen aus den Gebeten zu verbannen, die aller feierlichen Anstimmung entbehrten. Wir nennen auch dieses einen Fortschritt; weil man ha-