Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 45 (30.10.1848)
- Date
- 1848-10-30
- Page
- Seite 647 (sequence 7)
- Language
- German
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647 israelitische Nation zur 'Zeit ihrer Selbstständigkeit durchdrungen, nicht wieder erwecken. Aber daß der alte Geist noch nicht untecgegangen war, zeigte sich, sobald der Sturm der Leiden und dei7Verfolgung den schlummernden Funken weckte: dies geschah unter dem rohen Drucke des Antiochus Epiphanes. Mit der Kraft eines Moses und Samuel erhebt sich da der greise Priester Matathias zum Widerstande gegen die Forderung des Königs, dem Glauben der Väter untreu zu werden und Götzen zu opfern. Die Macht der Heiden wurde zu Schanden vor dem Häuflein begeisterter Juden; „sie griffen die Gottlosen an," heißt es im 1. Buche der Makkabäer, „und es hat ihnen gelungen, daß sie das Gesetz erhielten wider alle Macht der Heiden und Könige, daß die Gottlosen nicht über sie Herren wurden." Der mehr als hundertjährige Matathias aber mahnte vor seine Tode: „Lieben Söhne,'eifert um das Gesetz und waget euer Leben für den Bund unserer Väter; und gedenket, welche Thaten unsere Väter zu ihren Zeiten gcthan haben: so werdet ihr rechte Ehre und einen ewigen Namen erlangen. — — Bedenket was zu jeder Zeit geschehen ist: so werdet ihr finden, daß Alle, so auf Gott vertrauen, erhalten werden. Darum fürchtet euch nicht vor der Gottlosen Trotz: denn ihre Herrlichkeit ist Koth und Wurme. Heute schwebet er empor, morgen liegt er darnieder: und ist Nichts mehr, so er wieder zur Erde worden ist; und sein Vornehmen ist zu nichts worden. Derhalben, lieben Kinder, seid unerschrocken und haltet vest ob dem Gesetz, so wird euch Gott wiederum herrlich machen." Diese Weiffagung ging vollständig in Erfüllung: denn unter Matathias Söhnen, Judas und den übrigen Makkabäern, erhob sich Israel zu einer Macht, wie es sie seit Davids Zeit nicht gehabt hatte. Zugleich hoben jene Abschiedsworte des greisen priesterlichen Helden noch einmal recht bestimmt hervor, was der von den Helden der Nation auch jederzeit verfolgte Beruf des israelitischen Volkes war: das Recht des Geistes zu vertreten und die Herrschaft des Geistes über die Masse faktisch zu berhätigen. Indem diefenmach der Jsraelitismus an der reinen Geistigkeit des unendlichen Gottes festhiett und auch den Menschen als freies geistiges Wesen auffaßte, reichte er dem Okzident die Hand, der die Freiheit der Individualität zu vertreten hatte/ zeigte jedoch auch diesem das hier zmckckgedrängte höhere göttliche Gesetz, unter dessen Herrschaft allein die wahre Freiheit des Individuums zu Stande kommen kann. ' Dadurch eben wurde durch den Jsraelitismus die geistige Vermittelung zwischen Orient und Okzident eingeleitet." „Das war die weltgeschichtliche Mission des israelitischen Volkes, und nur von dem israelitischen Volke wollten wir reden. Ich dächte jene Mission war bedeutend genug, um die auf uns gekommenen ehrwürdigen Geisteserzeugnisse des wunderbaren Volkes einer allgemeinen Aufmerksamkeit werth zu machen: nirgends zeigt sich so deutlich, als in ihnen, .wie eine höhere Macht die scheinbar zufälligen Ereignisse der Weltgeschichte mit fester Hand ihrem Ziele zuleitet; zugleich sind sie als Zeugnisse für die äußeren Thatsachen von unschätzbarem Werthe. Was wäre unsere alte Geschichte ohne das alte Testament? Eine Masse vereinzelter Notizen, ohne die Möglichkeit, einen Zusammenhang herzustellen und Dichtung und Thatsache zu scheiden. Denn wie der Jsraelitismus zuerst zwischen Gott und Welt unterschied, so entfernte er auch aus der Geschichtschreibung zuerst die stete Vermischung zwischen Göttlichem und Menschlichem und drückte' ihr den Charakter höherer Klarheit und Besonnenheit auf, und durch den Glauben an den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden erhebt sich die israelitische Weltanschauung über die Schranken der unmittelbaren Umgebung zum Interesse für ferner liegende Ereignisse und deren Verknüpfung. Ueber vereinzelte Fakta geben die egyptischen Denkmäler ältere Kunde, als Anfang einer zusammenhängenden Geschichtschreibung aber stehen die israelitischen Geschichtswerke Jahrhunderte lang ganz allem: fast ein Jahrtausend vor Christi Geburt zurück leiten sie uns bereits an dem fast ununterbrochenen Faden einer sichern Chronologie, und über einzelne Thatsachen geben sie schon aus weit früherer Zeit zuverlässigen Bericht. % Dem historischen Interesse der alttestamentUchen Schriften kommt das poetische gleich. Freilich fehlt dem israelitischen .Volke mit der Vielseitigkeit individueller Entfaltung auch die epische und die dramatische Dichtkunst, deren Interesse eben auf dem Reichthum individuellen Lebens und auf dem Kampfe verschieden gestalteter Individualitäten beruht, und auch seine lyrische Poesie drückte weniger die durch äußere Verhältnisse angeregte subjektive Stimmung aus. Wo es dagegen darauf ankommt, die im innersten Heiligthum der Seele vollzogene Beziehung; des endlichen Geistes zum unendlichen auszufprechen, da ist der hebräischen Dichtung eigen tlrches Feld. Mag öS nun gelten, das Bewußtsein des Zusammenhangs von Göttlichem und Menschlichem, oder daS Gefühl der Dank-