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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-10-30 · Heft 45 (30.10.1848) · p. Seite 643

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 45 (30.10.1848)
Date
1848-10-30
Page
Seite 643 (sequence 3)
Language
German
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648 wilder Wollust, hier die vollständigste Darbringung des physischen Lebens im Menschenopfer, namentlich in der Darbringung der eigenen Kinder. Auch im armenischen Hochlande, in welches als den Ursitz des israelitischen Volkes der Paradiesesmythus, wie die Fluthfage uns hinweist, war der Kultus des zerstörenden Feuers heimisch. Das alte Testament leugnet nicht, daß die entfernteren Ahnen der Israeliten dem Götzendienst ergeben gewesen seien, und Abraham erst, der Führer der von jenen Ursitzen aus in Kanaan eingewanderten Völkerfchicht, wird auch als der eigentliche Anfänger des den Israeliten eigenrhümlichen Glaubens bezeichnet. Dieselbe Bedeutung schreibt ihm die nationale Tradition der Araber zu, und, wie sehr auch seine Gestalt durch die schöpferische Hand der Sage mit Schmuck umgeben worden ist, ein historischer Kern seiner Persönlichkeit steht unleugbar fest. Wie nun dieser reinere Glauben nicht aus jenem Naturdienste sich entwickelt hat, aber doch auf seinem Boden erwachsen ist, das stellt die heilige Sage in ihrer Weise in der Erzählung von der Opferung Isaaks dar, sinnig andeutend, wie Gott einerseits ein neues religiöses Leben, das die Gattung ergreifen soll, stets erst im Geiste einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten entzündet, andererseits ein solches Samenkorn nie auf einen unfruchtbaren unvorbereiteten Boden fallen läßt. Dem Erzvater wird der Befehl, seinen geliebten, einzigen Sohn zu opfern! Das ist der Befehl des furchtbaren kinderverschlingenden Feuergottes; drum heißt es vom israelitischen Standpunkte aus, Gott habe den Abraham mit diesem Befehle nur versuchen wollen. Und als er nun im Begriffe ist, ungesäumt dem Befehle nachzukommen, da wird ihm geoffenbart, daß Gott an seinem Gehorsam sich wolle genügen laffen und solch Opfer verschmähe. Was heißt das anders, als daß in Abraham zuerst der Gedanke aufgeblitzt'sei, daß Gott nicht die äußere Hingabe des physischen Lebens, sondern das innere Opfer des egoistischen Willens in freier Unterwerfung unter Gottes Gebot verlanget Und der Gott, der solch geistiges Opfer fordert, er kann selbst nicht mehr die natürliche Macht des in. sinnlicher Weise vernichtenden Feuers sein, sondern nur der Allmächtige, vor dem allerdings alles Endliche nichtig ist, durch den allein aber auch Alles sein Bestehen hat, mit einem Worte ein selbstbewußter, geistiger Gott, der auch im Geiste angebetet sein will. Diese Idee tritt uns gleich an der Pforte des alten Testaments in ihrer ganzen Hoheit entgegen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde!" Sie wissen, meine Herren, es ist dies der Anfang des atttestamentlichen Schöpfungsmythus, einer Erzählung, an welcher die Theologie und leider auch die Naturwissenschaft seit langer Zeit sich schwer versündigt. Das alte Testament selbst ist an diesen Sünden vollkommen unschuldig. Vergessen wir also einen Augenblick die Mesalliance zwischen Theologie und Geologie und die Windeier, die das Produkt dieser Verbindung waren, hüten wir uns aber auch, mit einer allzuhastigen Neologie das, was menschlicher Verkehrtheit einmal Veranlassung zum Auskcamen von Unsinn gegeben hat, sofort für eitel Unsinn Mszuschreien.^ Enthalten wir auch der israelitischen Schöpfungsgeschichte das Interesse wenigstens nicht vor, das wir. dem Weltei Brahma's, der Verbindung des Eros mit dem Chaos, der Esche Pgdrasill so bereitwillig weihen, und dann — lassen Sie uns nicht vergessen, daß ein Sonnenaufgang das vorübergehende Meteor, oder ein menschliches Kunstfeuerwerk an Pracht und Schönheit darum nicht minder übertrifft, weil wir ihntäglich ohne Mühe und ohne feingeschliffene Gläser betrachten können. Es mag sein, daß der Geist vor der phantastischen Ungeheuerlichkeit der indischen Schöpfungsmythe in höherem Grade erstaunt, daß die mannigfaltigen Göttergestalten, welche die griechische Theogonie aus dem Schooße des Chaos hervorgehen läßt, für den Schönheitssinn größern Reiz haben. Vor beiden Vorstellungen aber — und auf die Vergleichung mit ihnen müssen wir uns für jetzt beschränken — hat die israelitische die Eigenschaft größerer Tiefe, Reinheit und Klarheit entschieden voraus; vor der griechischen deshalb, weil sie nicht, wie diese, nach der allerabsonderlichsten und unbegreiflichsten Zeveratio aegüivoea den Geist aus der Materie, das Selbstbewußte aus dem Unbewußten sich entwickeln läßt, sondern den Geist als das allein Ursprüngliche, als das wahre Sein in allem Dasein auffaßt; vor der-indischen darum, weil sie die Welt nicht als aus der Gottheit gleichsam unbewußt und unwillkürlich hervorgegangen ansieht, sondern die Gottheit eben als selbstbewußten Geist darstellt, und während sie so der allen übrigen vorchristlichen Religionen eigenthümlichen Vermischung von Geist und Natur, Gott und Welt ein Ende macht, zugleich den unendlichen Geist zu allem Endlichen in die lebendigste Beziehung setzt, wie dies das Sechstagewerk, große Gedanken in sinnlich anschaubare Form nach der Weise des AlterthumS unbefangen einkleidend, für jeden, der darauft verzichtet, diese unbefangenen Ausdrücke als Axiome der Wissenschaft unmittelbar in die dogmatischen oder naturwiffenschastlichen Systeme

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