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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-10-16 · Heft 43 (16.10.1848) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 43 (16.10.1848)
Date
1848-10-16
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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617 rechte Dementi. Ihr wollt damit einerseits die Revolution selbst, kn Verruf bringen, weil Ihr wisset, daß sehr viele Deutsche , das alte Vorurtheil gegen die Juden noch lange nicht, haben fahren lassen, und diesen Namen als Zeichen der Verachtung gebrauchen, andererseits aber, wenn Ihr einmal wieder die Oberhand habet. Eure Unbille auf die Häupter der Juden entladen, sie im Voraus proskribittn. Muß also diese krasse Behauptung zurückgenommen werden, so-stellet Ihr sie doch dahin: es haben sehr viele Juden an den Aufständen Theil genommen, es nehmen fortwährend' sehr viele. Juden ün der Bewegung Theil. Ihr habet , dafür Fakta aufzuweisen, Ihr. nennet eine Zahl jüdischer Namen, die zum Vorschein gekommen, und zum Theil der Reihe der thätigsten Bewegungsmänner angehören. Beleuchten wir dies naher. Dem Juden war jeder politische und geistige Wirkungskreis abgeschnitten. Höchstens^ konnte sich der und jener in der'Literatur oder Kunst auszeichnen. Weder als Beamter, noch als Lehrer höherer oder niederer Stufe durste er wirken. Die Befähigung, dl? er besaß, mußte er in seinen Busen zurückdrängen. Zu 'dieser, auch in materieller Beziehung erdrückenden Beschränkung trat noch der Schimpf und Hohn, der darin lag. Man hatte dem Juden alle Pforten, die in den Tempel der Wissenschaft und der geistigen Ausbildung führen, geöffnet, aber alle Pforten, die aus diesem Tempel in das Leben führen z« gedeihlicher Wirksamkeit und fröhlicher Anerkennung, verschlossen, dicht verschlossen. Was Wunder, daß in seinem Geiste sich eine ätzende Säure sammelte? daß er einer Bewegung sich anschloß, die alle diese Schranken niederwerfen wollte? Der Jude hatte zu viel Ungerechtigkeit gelitten, als daß er die bestehenden Zustande nicht allein vom persönlichen, sondern vom allgemeinen Standpunkte aus in die Farben des' Unrechts gekleidet ansehen mußte. Es würde Verrath an seiner ganzen Anschauungsweise, die man ihm auf die bitterste Art eingeflößt und aufgedrängt hatte, gewesen sein, Hätte er sich der Bewegung nicht angeschlossen. Fürwahr, er glaubte durchaus nicht, für sich allein, er mußte glauben, für die Menschheit zu kämpfen.- Was hätte man geurtheilt, wenn -der-Jude gar keinen Theil an der Bewegung genommen? Man hätte ihn für den feigsten, unempfindlichsten Sklaven halten müssen. Das fühlet Ihr auch wohl, und darum setzet Ihr zu Eurer eigenen Derurtheilüng schon voraus, daß viele Juden an dem Kampfe Theil genommen und Thiil nehmen. Also dies ist wahr, dies mußte wahr Mn, daß viele Juden an der Bewegung, welche die Gesellschaft ergriffen, Theil nahmen und nehmen. Was ist aber nun wiederum die Unwahrheit daran, Ihr Helden der Reaktion? Dies, daß Ihr nun die Theil nehmenden. Juden allesammt zu den ärgsten Wühlern zählet, und damit die augenblicklichen traurigen Folgen, welche eine solche Erschütterung .aller Verhältnisse für Viele haben muß, allein auf die Juden werfen wollet, und daß" Ihr nun nach alter, abgenutzter Weise alle Juden für das Thun Einiger verantwortlich machet, und, so Ihr es könntet, zermalmen möchtet. Ihr müsset Euch freilich hierin bestärkt fühlen, daß unter den Reaktionären wenige Juden sind, da diese-freilich weder hochgeborne Aristokraten, noch hochgestellte Beamte, noch reich dotirte Pfaffen sind. Allein was unwahr ist, ist dies doch. Unter den Juden befinden sich, vielmehr dieselben Parteien, wie jetzt überall, wie auch unter den Christen. Es giebt unter ihnen extreme Revolutionäre, besonnene, denkende Zentren, und ganz stattliche Konservative. Und/wollet Ihr die Wahrheit wissen? Die Konservativen, ja Solche, welche den alten Zustand wieder annehmen würden, . sind die Mehrzahl unter den Juden. .Es ist dies aber auch sehr erklärlich. Daß nicht Wenige unter den an der Bewegung Theil nehmenden Juden zu den Zentren gehören, kann ich selbst mit Namen belegen. Der Jude Goudcheaup ist Minister unter - Cavaignac; der Jude Rießer ist zweiter Vizepräsident der deutschen Nationalversammlung und sitzt im rechten Zentrum; der Jude Stern ist Präses des konstitutionellen Klubs zu Berlin, der sehr rechts steht, rc. Aber auch das ist erklärlich, daß die Mehrzahl der Juden konservativ gesinnt ist. Diese Mehrzahl sind. Handelsbeflissene. In Folge der Revolution stockt Handel und Verkehr, Viele waren augenblicklich mit ungeheueren Verlusten betroffen, unsere Blätter haben öfter den Nachweis gebracht, wieviele große jüdische Gemeinden nach dem Marz sehr verarmten. Und nun sehet. Euch überhaupt im Kaufmanns- und industriellen Stande um, und Ihr werdet finden, daß dieser in ungeheurer Majorität dem, fast zur Reaktion sich neigenden Konservatismus angehört. So steht es in Wahrheit unter den Juden, und Ihr möget Eure Nasen einspannen. Wir sind lediglich vom faktischen Standpunkte ausgegangen. Wir haben heute nach keiner Seite hin eine Meinung aussprechen und beurtheilen, sondern nur Nachweisen wollen, wie es in Wirklichkeit steht.

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