Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-10-09 · Heft 42 (9.10.1848) · p. Seite 600

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 42 (9.10.1848)
Date
1848-10-09
Page
Seite 600 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225594--09708-3237985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

als eitel ist. Und endlich gesellten sich die politischen und sozialen Stürme hinzu, welche den Menschen nicht zu sich selbst kommen lassek, und welche seinen Blick immer und immer wieder nach dem bewegten Außen tragen. Fürwahr, da nahm und nimmt der religiöse Geist täglich ab, daß man glauben müßte, diese erstgeborne Tochter des Himmels nehme Abschied von der Erde und bereite sich, diese zu verlassen. Wenn Juda erst, der alte Beter, der alte Träger der Religion, das 'ran V)* abwjrstwer dann nicht? Und-dieser erstorbene Geist der Religion, welcher in den Altgläubigen die Starrheit hervyrbrachte, die Hartnäckigkeit in den kleinsten überlieferten Formen, in den Neugläubigen aber eine Lässigkeit, eine Trägheit sonder Maß, die>eben gar Nichts haben wollte: dieser hat die rechte, die paffende Zeit zur Reform, zur Verbesserung, zur Umgestaltung, zum Umbau versäumt- und wir stehen nun da, dem traurigsten Wirrsal übergeben! Dies, andächtige Zuhörer, ist es, was uns bedroht, was die Glaubensgenossenschaft Israels an den Rand der Auflösung bringt. Ja, sie ist herrlich, diese Freiheit, sie ist nothwendig, sie mußte kommen, und da sie gekommen, darf sie nimmer wieder weichen. Aber sie ist gekommen über eine zerfallende, rathlose und geistlose Masse, und die Frage drängt sich auf: was soll daraus werden? Wird die Freiheit zur Auflösung bringen? Wird der Sturm der Freiheit das uralte Bauwerk der positiven Religion ganz über den, Haufen werfen? Wohl/ diese Frage, ich konnte sie in dieser Stunde Euch nicht ersparen, ich mußte sie vor Euch bringen. Es ist nimmer gut, die Augen zu schließen und blind in die Zukunft hineinzurennen. Die Gemeinde Israels ist in ihrem innersten Bestände bedroht. Was, habt Ihr noch Herzen für Eure Religion, so thut Euch zusammen; ist noch eine Stimme in Eurer Brust, die sagt: die Religion des Einigen muß erhalten werden, das Bekenntniß unserer Väter muß noch das Bekenntniß unserer Söhne und Enkel sein — nun so thut Euch zusammen, und rüstet Euch, und leget Hand an, und bauet frisch und rege. Darum Hab' ich die Zustande Euch geschildert. Ihr seid ja jetzt frei, Ihr könnt.Euch vereinigen, wie, wö, wann Ihr wollet. Zögert nicht und webet ein neues Band um uns Alle, frei und frisch. Nicht unsere Enkel würden anjuklagen sein, sondern wir, wenn wir verfallen lassen, was wir noch halten konnten. Solche Forderung ergeht an Alle, Keiner ist ausgenommen, und'Jeder ist berufen! Was? Ihr habt keine Zeit dazu? keine Kraft dazu? kein Vermögen dazu? Saget lieben keinen Willen dazu, dann redet Ihr wahrhaft. Ihr lasset es gehen, wie's geht, fallen, wie's fallt. Ihr höret die Stimme des Mahnenden nicht, oder wollt sie nicht hören. Nun gut: dann könntet Ihr auch den Segen dessen nicht verlangen, und die Stunde der Rechenschaft, sie schlägt für Jeden. Der Herr aber läßt feinen Bau nicht untergehen. Er wird ihn versetzen anderswo^ und andere Baumeister und Handlanger erwecken. Seine'Lehre wird nicht untergehen und ihr« Jünger sich nicht verlieren. Er hob und trug sie alle Tage der Vorzeit, so wird er sie tragen auch in aller Zukunft. Der Herr schafft Neues und Großes, und sein Name verherrlicht sich unter allen Menschensöhnen. Amen! (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Frankfurt am Main, 26. September. Wenn es für die Israeliten Deutschlands nichts Wichtigeres in dieser Zeit giebt, als die Verhandlungen der Nationalversammlung über die Grundrechte zu oerfolgen, so bietet auch die heutige Sitzung Stoff genug, indem in derselben die Schulfrage zu Ende diskutirt und darüber abgestimmt wurde. Die Beschlüsse sind folgende: Art. IV. §.17. „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei." §. 18. „Unterricht zu ertheilen, so wie Unterrichts- und Erziehungsanstalten zu gründen, steht jedem Deutschen frei, wenn er seine moralische und wissenschaftliche, respektive technische Befähigung der betreffenden Staatsbehörde nachgewiesen hat." „Das gesammte Unterrichts- und Erziehungswesen steht unter der Oberaufsicht des Staates, und ist der Beaufsichtigung der Geistlichkeit als Solcher enthoben." „Der deutschen Jugend wird durch genügende Schulanstalten das Recht auf allgemeine menschliche und bürgerliche Bildung gewährleistet.", „Niemand darf die seiner Obhut anvertraute Jugend ohne den Grad von Unterricht lassen, der für die unteren Volksschulen vorgeschrieben ist." „Die öffentlichen Lehrer haben die Rechte der Staatsdiener." „Die Gemeinden wählen aus den Geprüften die. Lehrer der Volksschulen/^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.