Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 42 (9.10.1848)
- Date
- 1848-10-09
- Page
- Seite 599 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225594--09707-3237984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
599 Und blicken wir tiefer, m. Fr., was dieses bedeute? Hat nicht derselbe Mosche gesprochen: wr;! 'rr ''d« „die Mizrajim werden erkennen, daß ich der Ewige bin?" Ist es nicht die Lehre aller Propheten, daß dereinst alle Menschenkinder den Einen, wahrhaften Gott erkennen und bekennen werden? JTW «INN ivwi NN« 'N Nun, diese Freiheit, die uns jetzt geworden, sie ist der erste Schritt in der Erfüllung auch dessen. Keflr Glaube soll bevorzugt werden" — liegt darin nicht, bei dem tausendjährigen Hohne, mit dem man unsere Religion, befleckte, in den Staub zog, liegt darin nicht schon eine Anerkennung unseres Glaubens, daß er zur Sonnenhöhe der Geltung heraufgestiegen, daß man ihn den Religionen gleichstellt, welche bis jetzt, von Glanz umgeben, auf den Thronen der Welt saßen. „Ein Recht, Ein- Gesetz für Alle!" Wie? ist dies nicht Mosche's Wort, Mosche's Gesetz und Ausspruch? Und das wird jetzt Gesetz der? Welt?. - Damit beginnet man, an diesem Stabe schreitet man vorwärts, mit dieser Leuchte geht man zum Ziele. Dies ist es, m. Z., was für Israel das Jqhr, das verflossen, gebracht hat- und wol können wir deß jubeln. Ja, mit diesem Spruche: um des Glaubens willen keine Knechtung, keine Beschränkung, mit diesem Spruche sind nicht blos alle Fesseln gefallen, mit ihm sind auch in Zukunft alle Fesseln unmöglich, wir können nur wieder geknechtet werden, wenn die ganze Welt geknechtet wird. Und wenn wir nun gelitten und leiden unter den Krämpfen und Wehen der Menschenwelt, wol müssen wir es vergessen, und sprechen: des Ewigen Gnaden will ich preisen, desEwigen weiseHuld fürJsraet, in seiner Liebe und Erbarmung erlöst' er sie, hob und trug sie alle Tage der Welt! II. Aber, m. Fr., wenn wir also die hochhercliche Gabe der Zeit an Israel in Betracht gezogen, die Stellung Israels in dieser Neuzeit erwogen haben: blicken wir nun auch in das Innere. Da stellet sich uns ein anderes Bild auf. Das äußere Band, das Israel bis hierher auf so beispiellose Weise in der Weltgeschichte.umschloß', es ist gelöset. Natürlich; so lange der Jude bei den Völkern eine Ausnahmeftelle einnahm, gedrückt und beschrankt war, so lange that er sich zusammen, hing ec aneinander. Ein gleiches Schicksal, eine gleiche Lage drangen die Menschen zu einander. Jetzt hat dies aufgehört. Der Jude ist eingetreten in die allgemeine Welt, und ist theils auf sich, theils auf Alle angewiesen, folglich fallt das Besondere weg. Ja, es ist seine Pflicht, daß das Besondere wegfalle; die Völker , nehmen ihn als gleichberechtigten Bruder an, wie sollte er sich noch etwas Besonderes wahren können? Aber auch ferner. Bis jetzt übte das Staatsgesetz dahin einen Zwang aus, daß es Jeden nöthigte, in den Verband einer Religion, ja in den Gemeindeverband einer gewissen Kirche oder Synagoge zu gehören. Mit dem Augenblicke aber, wo der Staat den Grundsatz annimmt, vor dir ist jeder Glaube gleich, du hast dich um die religiöse Ueberzeugung Niemandes zu kümmern, du hast Niemanden nach seiner Religion zu fragen: mit diesem Augenblick hört jeder Zwang, jede Nöthigung auf, und der Einzelne kann sich nach Belieben einem religiösen Verbände anschließen, oder auch nicht: der Staat hat keine Berechtigung mehr ihn dazu anzuhalten. Also das äußere Band der jüdischen Gemeinde ist gelöset. Und nun fragen wir nach dem innern. Hier aber ist es schon lange gelockert und durchsichtig. Je fester,' je dichter das innere Band des Judenthums ehemals gewoben war, desto loser ist es jetzt. Je unerschütterlicher und lückenloser das alte Gebäu des talmudischen und rabbinischen Judenthums ehemals weit über ein Jahrtausend dastand: desto löcheriger ist es seit einem halben Jahrhundert geworden. Ueberall hat hier die Axt der Zeit Oeffnungen hineingehauen, durch die der Sturm hindurchweht und Balken, Gestein und Sparren dahintragt. Was ist noch fest von dem ganzen großen Formgesetz, und was von ihm unbedroht in der nächsten Zukunft schon? Es geht-Alles auseinander. Der Sohn steht weit ab vom Vater, die Tochter von der Mutter, der Bruder vom Bruder. Was auf Felsen gebaut war, ist jetzt auf losen Sand gestellt, der nächstens weichen wird. Da ist Zerrissenheit überall, da haben sich die verschiedenartigsten Ansichten gebildet, und so erst das äußere Band weggefallen, wer will die Parteien zusammenhalten? Und neben dieser Zersplitterung und Zerrissenheit kommt noch ein anderer, ein viel schlimmerer Gast dazu, das ist die religiöse Gleichgiltigkeit, der religiöse Indifferentismus. Auch dieser ist kein Gast von gestern in unserm Hause, längst hat er sich darin heimisch gemacht. Da kam zuerst der immer wachsende Kampf um das materielle Leben, um Brod, um Besitz, um Reichthum. Dann das Haschen nach einer oberflächlichen, herzlosen Bildung, welche vornehm und kalt auf die religiöse Gefühl- und Gedankenwelt schauet, und nur eitel und Nichts