Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 41 (2.10.1848)
- Date
- 1848-10-02
- Page
- Seite 593 (sequence 9)
- Language
- German
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zu fürchten hatten." -— Grundfalsch! Die posener Deutschen und Juden — die Kinder polnischer Toleranz — hatten weder eine nationale, noch eine religiöse Intoleranz zu fürchten, weil die Polen gar keine Intoleranz haben, ausgenommen eine-—die Intoleranz der Despotie! Nein! Die Polen, das können wir ihnen gewissenhaft und feierlichst bezeugen, verdammen keine Religion und Haffen keine Nation, sondern sie verdammen und hassen ihre Bedrücker, die Despoten. Sie wollen nicht kämpfen für die katholische Religion, sondern für die Weltreligion: Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe! v Und wir, die Juden, wollen wahrlich nicht für die katholische und gegen die jüdische Religion kämpfen! Wir wollen Polen vom russischen Joche befreien helfen, weil es unser Vaterland ist, weil wir auf polnischer Erde geboren sind, weil in ihr die Gebeine unserer Väter ruhen. Wir wollen unseren christlichen Brüdern helfen, eben ^veil sie unsere Brüder sind, weil ihr Geist der Toleranz, trotz jesuitischer Ranke, trotz der Knechtung und geistiger Bedrückung durch despotische Herrscher,, trotz der schwarzen Verleumdungen der posener Deutschen und Juden, trotz alledem — sich in seiner ursprünglichen Lauterkeit erhalten. Denn nie hat Polen zur Zeit seiner Selbstständigkeit und Aufklärung sich einen „christlichen Staat" genannt! Wir wollen den Polen dankbar sein. Während andere Völker uneingedenk des uneigennützigen Schutzes, und der großmüthigen Rettung, die ihnen Polen gebracht, Undank über Undank häufen, wollen wir, die Juden, zeigen, daß in unsrer Brust ein dankbares Herz für die Polen schlagt, die Polen, die einst uns, vom deutschen Feuer und Schwert Verfolgten, gastlich empfangen und hochherzig beschützt. Wir wollenunseren Glaubensgenossen anderer Staaten nicht nachstehen, die auf dem Altar des Vaterlandes freudig ihr Leben zum Opfer bringen. Wir wollen 2^2 Millionen Glaubensbrüder erlösen helfen. Denn Polens Befreiung ist der Messias der polnischen Juden. — Und wie einst am Horizonte Polens Toleranz der leuchtende Stern, war, so wird auch jetzt, wenn der dreifarbige Regenbogen: Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe,-das düstre Gewölk durchbricht, Toleranz in ihrem alten ewigen Glanze leuchten! Ein jüdischer Pole. Korrespondenzen. Debatten über das jüdische Schulwesen. . (Fortsetzung aus No. 31. 32. 35. 36. 37. 38. 40.) •' - ,N ' , xi " / 7; Etwas über das jüdische Schulwesen im Regierungsbezirk Marienwerder. Anklam, im September. In einer freien Morgenstunde, die ich meinen Berufsarbeiten abgewinnen kann, will ich's versuchen, Ihnen, meinem Versprechen gemäße, Einiges über das Schulwesen des marienwerderschen Departements mitzutheilen. Zuvor aber bitte ich Sie, so wie die geehrten Leser um Entschuldigung, wenn dieser Bericht einerseits in ganz schlichten Worten abgegefaßt ist und anderseits gar nichts Erfreuliches darbietet, und ich hatte wahrlich lieber geschwiegen, -wenn ich'S nicht für Pflicht hielte, gerade jetzt, wo wir einer Umgestaltung unftrs so sehr darniederliegenken Gemeinde- und Schulwesens entgegensetzen, die, wenn die Gemeinden nur ernstlich wollen, segensreiche Erfolge .haben könnte, einen Gegenstand zu berühren, der trotz seiner Wichtigke.it, wenigstens in unsrer Gegend, noch immer nicht zur Sprache gebracht worden ist. Und das dürfte doch wol ausgemacht sein; darin dürften doch wol alle Sachkundigen, welcher Glaubenspartei sie auch sonst angehören, übereinstimmen, daß die Schule, die Vorbereitungsstätte für Haus und Familie, für Synagoge und Staat, eines der wichtigsten Gemeindeinstitute ist; das', dürfte, doch wol jeder Vernünftige einsehen, daß das schönste Gotteshaus, der beste Chorgesang Nichts nützen, ja das der süchtigste Prediger nur wenig Ersprießliches zu leisten vermag, wenn die Gemeinde der Schule entbehrt. Soll das Leben unsers Volks veredelt werden; sollen der Familie treue Anhänger, dem Staate pflichtgetreue Bürger, sollen gute Menschen, fromme Israeliten herangebildet werden: so muß das aufblühende Geschlecht schon im Keime gepflegt und geleitet werden; so muß schon'früh im zartesten Alter, mit aller Treue, mit der größten Sorgfalt an das nicht leichte Werk der Jugendbildung Hand gelegt werden. Nur dann können wir hoffen aus den jungen Raben keine Sperlinge, sondern herrliche Früchte emporwachsen und reifen zu sehen; aber auch dann nur können Gotteshaus und Predigt wahrhaft wirken. Doch was be- 1) Vergl. unfern . Art. in No. 41 v. I. datirt: Jastrow, im September. Korresp. 41*