Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 40 (25.9.1848)
- Date
- 1848-09-25
- Page
- Seite 580 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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580 * „Jetzt stellt'^ mir ein Licht zu Kopf/" befahl Szimche, und macht's auf.: Sagt der Polizei, daß ich todt bin." Das war ein furchtbarer Augenblick. Der Student nahm das Licht und stellte es dem Todtlebendigen zu Haupten. Seine Tochter schlug ihm das Leintuch über das Gesicht, die Frau war zur Thüre gegangen, um der Polizei zu öffnen. Gleich darauf traten zwei Vertraute in Begleitung mehrerer Soldaten ein; ihr erster Blick siel auf die Leiche am Boden. Es sah wirklich wie in einem Todtenhause aus. Bleiche verstörte Gesichter rings herum, die? der Polizei ihren Schmerz um ein soeben Verlorenes/ Theueres, deutlich genug erzählten. „Wann ist er gestorben?" fragte der eine Vertraute und trat zur Leiche hiu.; „Grad vor einer Stund'," sagte die Frau, zitternd vor Angst. . - Der Vertraute schlug der Leiche das Tuch vom Antlitz weg und ließ es sogleich wieder sinken. „Der ist todt/f sagte er zu den Anderen, „wir haben hier nichts Weiteres zu thun." Sie gingen darauf fort, ohne um die Aufenthaltskarte gefragt zu haben.; Kaum aber war die Polizei zum Hause hinaus und man konnte noch den Schall ihrer Tritte in der einsamen Gasse vernehmen, als Szimche aufsprang und das Leintuch von sich abwarf. „Nu," rief er, ,,hab' ich den Tobten nicht gut gemacht? Kein Federt hat.an mir gezuckt. Schön sind sie angekommen." Und als wäre er wirklich auferstanden aus den Banden des Todes, standen die Anderen freudig um ihn und lachten und scherzten über die Gefahr, die sie einen Augenblick vorher so sinnlos gemacht Hatte. Das Licht wurde wieder ausgelöscht, man suchte die Betten auf und eine Viertelstunde später war es still in der Stube. . Keiner Hatte es geahnt, daß diese Menschen soeben in den Rachen einer; furchtbaren Gefahr geblickt hatten*). *) Nur die „tolerirten" Juden, das sind solche mit Genehmigung der Regierung geduldete, genießen ihren Aufenthalt in Wien ohne sonstige Behelligung und Störung, die übrigen müssen „Aufenthaltskarlen" losen, denen besonders die armen Hausirer, die oft feit ihrer Kindheit schon in Wiensieben, schon um des Zeitverlustes willen, denein jedesmaliger . Besuch des „Judenamtes" mit sich bringt/auf mannigfache Weise zu entgehen Pissen. ' Die Pdlizn und was sollte ihr unbekannt sein? — kennt und weiß das Alles.- Däfür hält sie nächtliche Haüs- UntersuchünM---- die - ohne Karte.. Betretenen erwartet der „Schub". Inlanäum revOMe äolorow/; -;a.;; Reset aber lag vom fieberhaften Frost der Angst befallen und konnte, die übrige Nacht kein Auge mehr schließen. Mit Thränen benetzte sie ihr Lager, denn es ahnte ihr nichts Gutes für morgen. Wie wollte sie in einer Stadt, wo sich ihr Vetter Szimche todtstellen mußte, um der Polizei zu entgehen, eine „Familie" und einen ehrlichen Namen für ihren Benjamin bekommen? Auch beneidete sie nicht mehr die Töchter ihres Verwandten — litten sie für das Vergnügen, tagtäglich in's Leopoldstädter Theater zu gehen und da die Possen des Komikers belachen zu können, nicht Angst und Jammer genug? Der Kaiser hätte die Bittschrift gelesen — er hatte gelächelt. Resel war in der Thüre des Audienzzimmers in die Knie gesunken, sie war einer Ohnmacht nahe. Da trat der milde Herrscher auf sie zu und mit einer Stimme, die wie ein goldener Strom auf sie fiel, sagte er ihr: „Steh' auf, mein Kind, man muß nur vor Gott knieen." Aber Resel stand nicht auf; aus der Tiefe ihrer Seele rief sie zu dem Herrscher auf: „Gnade, Gnade, Euer Majestät, geben Sie meinem Jaikew eine Familie!" Da fragte der Kaiser: „Jst's wahr, daß Du schon einundzwanzig Jahr mit ihm lebst?" „Es sind schon bald zweiundzwanzig," entgegnete sie — „und ich Hab' auch ein Kind." Der Kaiser ging hierauf zum Tische, worauf die Bittschrift lag, und schrieb Etwas auf die Rückseite derselben. „Jetzt geh nur, mein Kind," sprach er dann mit echt menschlicher Milde, „Dein Jaikew wird eine Familie bekommen. Verlaß Dich darauf, es wird schon besser werden." Resel ging. Hätte ihre Seele in diesem Augenblicke das irdische Gewand abgestreift, ein Gebet für den Kaiser wäre das Erste gewesen, womit sie die Lichthallen des ewigen Lebens betreten hätte! Vier Wochen darauf, nachdem Resel schon längst zurückgekehrt, hundertmal Um die „Audienz" befragt und angestaunt worden; erhielt Jaikew Lederer eine neue „Zustellung" vom ' Bürgermeister/ aufs Rathhaus zu -kommen. Mit freudiger Ahnung im Herzen ging, er diesmal die. eyge Wendeltrepe zum Bureau Nr. 5 hinan. Wie aher; ward ihm erff, als; der BürgermeMr mit freundlichen.-Worten erklärtes „es; sei allerhöchster,-Befehl