Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 40 (25.9.1848)
- Date
- 1848-09-25
- Page
- Seite 578 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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nichts Ausführliches :über die jüdischen Angelegenheiten Pesths, und überhaupt der ungarischen Juden, gelesen.*) Und doch dürfte der Grund Ihres Schweigens weniger in dem Mangel an sozialen und politischen Bewegungen, als vielmehr in dem allzu großen U-eberstuffe derselben liegen. Ist. das soziale und politische Leben des südlichen. Europas bis in seinem tiefsten Grunde erschüttert, so ist es Ungarn, um so mehr, da es nicht nur einen innern Kampf der Ideen, sondern auch einen blutigen um fein künftiges nationales Bestehen zu erkämpfen hat. Ich.'meine den kroatischungarischen Krieg, von dessen glücklichem oder unglücklichem Ausgang nichts weniger als das nationale Fortbestehen der Ungarn abhängt. Kein Wunder also, daß sich alles Interesse um. diesen einzigen Gegenstand vereint, und ein. nichtssagendes Gefecht zwischen den Serben und Ungarn mehr Aufsehen erregt, als alle jüngst von unserem Ministerium vorgeschlagenen Gesetze, die doch ihrer mittelalterlichen Prinzipien halber, die denselben zu Grunde liegen, bei anderen Zeitumständen nicht nur in dem sich so gern liberal nennenden Ungarn, sondern in dem gesammten freigewordenen Europa das größte Aussehen erregen würden. So sehr aber auch das allgemeine Interesse nach den Grenzen des Landes gerichtet ist, so ist nichtsdestoweniger unser inneres politisches, noch viel mehr aber unser soziales und religiöses Leben so reich an bedeutungsvollen Bewegungen und Bestrebungen, daß wir es im Interesse der gesammten jüdischen Bevölkerung Ungarns, für einen nicht geringen Schaden halten, wenn diese in einem so verbreiteten Blatte, als das Ihrige, nicht auf das Genaueste und Gewissenhafteste mitgetheilt werden, und dadurch die Möglichkeit geraubt ist, das Gesammtstreben der Juden nach einer gleichen Richtung zu. lenken, und so ihren Bewegungen mehr Einheit,. Festigkeit und sonach auch größere Nachhaltigkeit zu verleihen. Wie bekannt, hat der verflossene letzte Reichstag des ungarischen Adels zu Preßburg, den Juden deshalb die Emanzipation vorenthalten, weil hierdurch, wie, es Kossuth meinte, dreißigtausend Juden der Schlachtbank zugetrieben werden. Daß indeß dieser Grund nichts anderes, als ein leerer Vorwand war, der blos dazu diente,,ihre fahrlässige Politik auch in Hinsicht der Juden geltend zu machen, geht zur Ge¬ *) S. No. 36. Red. nüge daraus .hervor, daßselbst nachVorenthaltung der. Emanzipation, :bic Juden dennoch in den ^meisten Städten und in allen Komitaten der einzigen Errungenschaft des ungarischen Volkes mit theilhüftig worden, d. i. Nationalgardendienst verrichten zu können. Selbst Kaschau, die der großen Hauptstadt des freien (?) und nun noch liberaler (??) gewordenen Ungarns in seiner reinen Auffassung der Gleichheit nicht nachstehen und die Juden vor kurzem aus der Stadt jagen wollte, hat sich jüngstens von dem Grundsätze der Nächstenliebe und von den großen Strapazen, die die neue Zeit ihm aufgelegt, bewogen gefühlt, die Juden in die Reihen der Nationalgarde aufzunehmen; und dennoch hat der Minister des Innern auf die neulich im Repräsentantenhause an ihn gerichtete Frage: ob er in Bezug der Verbesserung der Stellung der Juden irgend einen Gesetzvorschlag verfertigt habe, die naive Antwort ertheilr, daß er die Emanzipation der Juden im Prinzipe zwar anerkenne, die faktische Anwendung desselben, aber jetzt für noch nicht an der Zeit halte. Eben so haben der Zentralkommisston, auf das von dem Landeskomite der ungarischen Juden dem Hause eingereichte Gesuch um bürgerliche Gleichstellung, sich dahin ausgesprochen, daß sie die Rechtmäßigkeit der besagten Forderung von Seite der Juden zwar im Prinzipe anerkennen, und sie ihnen im .Prinzipe auch gewähren; die praktische Anwendung desselben jedoch glaubt sie bis auf Weiteres versagen zu müssen. Daß das Repräsentantenhaus -keinen andern Bescheid geben werde, als im Sinne des Ministeriums, davon war Jeder gewiß, der da weißdaß die Mehrheit unsrer Repräsentanten aus solchen Individuen besteht, die entweder Ministerialbeamte sind, öder — erst werden wollen, So sehr aber , auch die individuelle Abneigung in Hinsicht der Juden bei. unseren Ministern vorherrschend sein möge, so werden sie durch die sich überall.bekundenden Sympathien im Volke für die Juden einerseits, so wie durch die traurigen Wirren des Landes, zu deren je schnellem Beilegung der Jude, trotz, der.so bitter erlittenen Beschimpfung, freudig Gut und Blut der Regierung anträgt, die Judensache wahrscheinlich noch im Verlaufe dieses Reichstags noch einmal auf's Tapet bringen, und daß sie dann auf das Günstigste gelöst wird, daran scheint Niemand zu zweifeln. — Von unseren religiösen Bewegungen in meinem nächsten Briefe. S. M.