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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-09-11 · Heft 38 (11.9.1848) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 38 (11.9.1848)
Date
1848-09-11
Page
Seite 550 (sequence 14)
Language
German
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550 Wien! Es wäre wirklich Undank, wollte man mehr fordern. Das Erste, woran nun Resel in der großen Weltstadt denken mußte, war aufs „Judenamt"*) zu gehen, um dort Paß und Aufenthaltskarte zu holen. Das lag auch ganz in der Natur der Sache — die Polizei steht immer vor dem Kaiser! In der schmutzigen Vorstube des „Judenamtes" fand Resel wol an achtzig Männer, Weiber und Kinder ihres Glaubens, sie alle harren auf den ersehnten Augenblick, daß der Polizeisoldat, der 'die Thüre zur Kanzlei hütete, sie ihnen öffnete. Das geschah endlich und von einer solchen Menschenwoge, die durch das offene Heiligthum einstcömte, wurde auch Resel mktgespült. Nun wurde Einer nach dem Andern aufgerufen, bei Manchem wurde ein vollständiges Verhör vorgenommen über Zweck, Absicht und Länge des Aufenthaltes und dann nahm der strenge Schreiber zuweilen Anstand ihm die „wiener" Luft zu erlauben. Wieder Andere schienen in großer Gunst bei dem Schreiber zu stehen, denen wurde die Aufenthaltskarte schnell ausgefertigt. Keiner konnte sich aber über Zartheit und Höflichkeit der Aufnahme beklagen; dem Schreiber waren Alle gleich, wie das auch vor dem „Gesetz" recht und billig ist!! „Wo kommt sie her?" fragte er eine „vazirende" Köchin, die an der Schranke des Bureaus stand. „Aus No. 108**)," sagte diese mit gesenkten Augen. Ein unsterbliches Gelächter kam aus dem Munde des Schreibers. „Hob' mirs „g'denkt"," wiederholte er mehrmals vor sich hin und lachte so „unsterblich" weiter, bis er mit der Aufenthaltskarte fertig war. Die Reihe kam endlich auch an Resel. Sie trat an die Schranke vor,' der Schreiber sah ihren Paß durch. Resel zitterte, mehr noch als vor dem Bürgermeister. „Ledig?" fragte er und blickte zu gleicher Zeit in den Paß, wo Jaikews Ehefrau so bezeichnet stand und auf Resel, die bei dieser Frage in tiefer Röthe erglühte. Sie glich übrigens in der Haube und ihren „weib" gewordenen Gesichtszügen keineswegs einer „Ledigen". „Ja," sagte sie stockend. „Wann ist sie denn zum letztenmal ledig gewesen?" rief der Schreiber, indem er auf das betreffende Wort *) Eine Abtheilung der wiener Polizeidirektio». **) Bekanntlich das k. k. Findelhaus in der Alservorstadt. einen besondern Nachdruck legte, und lachte dabei noch unsterblicher als bei der Köchin aus No. 108. Resel schwieg gekrankt, die Zeichen tiefer Entrüstung lagen in ihren Augen und auf ihren Wangen. „Was will sie hier thun?" fragte wieder der Schreiber. „Zum Kaiser gehen —" „Sie?" „Auf Audienz!" Der Schreiber that nun keine weitere Frage; er schrieb die Aufenthalskarte und händigte sie ihr ein. Mit erleichtertem Herzen verließ Resel die dunkelen Bleikammern des „Judenamtes". „Nahe an zwei Stunden irrte sie dann in den großen Gassen umher, ehe sie zu dem „Trakteurhause" in der „Preßgasse" gelangen konnte, wo sie eingekehrt war. Es ist das eigenthümlichste Gefühl, sich so mit den Menschen, die man antrifft und um den Weg befragt, in offene Bekanntschaft zu setzen. Das ist gleichsam für Solche, die Nöthiges zu thun haben, eine Brandschatzung in Worten, der sich nicht Jeder gern unterwirft. Nach vielen Her- und Hinschleudern kam Resel endlich in die „Seitenstättengasse", von wo sie noch einige Schritte zu dem Trakteurhause hatte. Als sie an dem großen Hause, worin sich der jüdische „Tempel" befindet, vorüberging, stand ein Mann davor, der, als er der Vorbeischreitenden in's Gesicht gesehen hatte, plötzlich rief: „Ist das nicht Resel Mireles, mein Vetters Tochter?" Resel erkannte nun den Mann auch ihrerseits, es war Rebb Szimche Wolf, ihrer Mutter Bruderssohn, der schon seit vielen Jahren in der großen Kaiserstadt wohnte, in deren Gassen und Häusern er Hausirhandel trieb. ,,S' Gottswillkumm' in Wien!" rief Vetter Szimche freudig, nachdem sich die Verwandten richtig als Solche befunden hatten, „was thust Du hier?" „Resel erzählte ihm die Absicht ihrer Herreise, und daß sie zum Kaiser auf Audienz gehen wolle. Der Hausirer zeigte darüber nicht die geringste Verwunderung, denn seit längerer Zeit in der Residenzstadt lebend, war ihm der „Kaiser" kein ungewöhnlicher Gedanke mehr, er konnte ihn ja alle Tage, wenn er nur wollte, auf der „Bastei" oder im Prater spazieren sehen. Dann fragte er sie um ihre Wohnung und da ihm Resel das Trakteurhaus als Solche bezeichnete, bestand er fest darauf, sie müßte in seine eigene ziehen, wo sie unter „Freund" leben könne. Mit Freuden nahm Resel diesen Vorschlag an. Mit ihrem Gepäcke unter dem Arm ging sie nun

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