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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-09-11 · Heft 38 (11.9.1848) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 38 (11.9.1848)
Date
1848-09-11
Page
Seite 549 (sequence 13)
Language
German
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549 können. Die ganze Welt soll's wissen, daß Resel Lederer ist ein ehrlich Weib und ihr Kind auch. Ich will mir das schon richten, und wenn ich bis zum Kaiser auf Wien müßt' gehen."- Wer kennt nicht jenes wunderbare Spiel der Seele, wenn sie auf hundert Gedanken zugleich wie auf ebenso viel Instrumenten die weite Tragkraft ihrer Fittige versucht? Halbangeklungen tönen sie durcheinander, der eine kräftiger, der andere stiller, bis ein einziger großer Gedanke, der früher bedeckt lag, allmalig anzuschwellen und immer mächtiger zu tönen anfängt. Dann muß man stille stehen, die anderen müssen verstummen und nur der eine, große Gedanke behauptet das Feld. So ging es dem Weibe Iaikew Lederers mit dem „zum Kaiser nach Wien gehen". Einmal angeklungen, wollte die Vorstellung, daß ihr Benjamin von der Majestät des Kaisers zu einem „ehrlichen" Kind könnte umgestaltet werden, sie nicht mehr verlassen. Immer kam sie wieder, Resel hörte sie gleichsam in sich wachsen, Gestalt annehmen und an's Tageslicht streben. Der Kaiser, nur der Kaiser konnte ihr helfen! Es mag uns seltsam dünken, wie dieses einfache Weib aus der Tiefe seines Jammers sogleich zu dem „Höchsten", was es nächst Gott im Himmel'fassen konnte, so schnell gelangte. Aber im aufgeregten Zustande kennt die Seele keine'allmaligen Uebergänge; sie verzweifelt entweder oder sie erhebt sich. Wie hoch und herrlich geht auch der Kaiser im Ghetto umher! Ihn hält das Volk nicht für verantwortlich; er ist Bindung und Lösung, Gesetz und Willkühr — das Unmögliche kann er schaffen, das Mögliche unwirksam machen. Vielleicht verlieh er dem Iaikew Lederer eine „Familie". Resel wollte also nach Wien gehen. In stiller Nacht war's, als sie ihren Mann weckte, um ihm ihren reiflich überdachten Entschluß mitzutheilen. „Iaikew," sprach sie, „ich geh' zum Kaiser auf Wien, ich will ihn um eine Familie bitten." „Gut Glück auf die Reis!" sagte der schlaftrunken und sank wieder in die Kiffen zurück. — Am folgenden Tage trat sie ihm mit denselben Worten entgegen; er lachte dazu. Da ward sie böse und begann wieder ihre Klagen. In Iaikew selbst begann nun die Vorstellung von dem „Höchsten" ebenfalls sich zu regen und zwar ging das ganz natürlich zu. Er bewunderte die Kühnheit seines Weibes, das so „mir Nichts, dir Nichts" zum Kaiser nach Wien gehen wollte, und er bewunderte solange, bis er sie auch anerkannte. Ohnehin ist das nur ein Sprung. Wieder wurde um den Advokaten geschickt. Er kam, man theilte ihm den Entschluß mit. Iaikew meinte, er würde ihn mit Spott überschütten und gänzlich verwerfen, aber da kannte er keineswegs die juristische Natur Lippmann Goldbergers. Ihm, der mit den Handhabern der irdischen Gerechtigkeit auf so vertrautem Fuße umging, der zu Kanzellisten und Amtsdienern freien Zutritt hatte, wie mußte ihm erst dieser Gang zum Kaiser, dem Höchsten aller Richter, hoch und erhaben Vorkommen! „Wer hätt'.das in Resel Mireles gesucht?" sagte er mit eingestemmten Händen und schaute das kühne Weib lange an. Man hat gemeint, sie kann nicht zwei zahlen und jetzt will sie geradwegs zum Kaiser gehen. Nur zugegangen Resel; ich will Dir früher nur Einiges vorsagen,' wie Du mit dem Kaiser wirst sprechen müssen, denn das ist kein Spaß, und ist auch etwas ganz Anderes, als wenn Du mit dem Rosch Hakohl (Vorsteher) Schmul Brandeis reden würdest." „Ich bitt' Euch, Rebb Lippmann," entgegnen Resel, die noch die „Haushälterin" nicht verschmerzt hatte, „lernt mich nur Nichts, wie ich reden soll; ich will schon sprechen mit dem Kaiser, wie mir's Gott auf die Lippen wird legen." Der Advokat lächelte, ihn freute diese sichergehende Entschlossenheit des Weibes, die er selbst am Besten zu schätzen wußte. Man ersuchte ihn noch, die Bittschrift an Se. Majestät „wegen einer Familie" aufsetzen zu lassen und die ganze Angelegenheit geheim zu halten. Der Advokat versprach, sogleich zu einem bekannten Kanzellisten zu gehen.— Abends wußte man jedoch km ganzen Ghetto, daß Resel Mireles nach Iontef zum Kaiser „auf Audienz" fahren wolle. Zur Zeit, als Resel aus dem stillen Böhmen nach dem lustigen Wien reiste, kam man dort nicht so schnell an, wie heutzutage. Man mußte drei Tage und zwei Nächte in einem fort fahren, ehe man die Spitze des Stephansthurms vor sich auftauchen sah. Jetzt ist dem „Volke" ganz wohl und es hat auch Nichts mehr zu wünschen. Was will es mehr? Das „Volk" steht heute' vor irgend einem Bürgermeister — das „Volk" ist mit diesem Bürgermeister nicht zufrieden. Abends setzt es sich auf die Eisenbahn und ist am andern Tag in der Frühe zur Audienz in

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