Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 37 (4.9.1848)
- Date
- 1848-09-04
- Page
- Seite 532 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Acht Jahr' wird er auf unsere Ostern." „Wer ist seine Mutter?" „Äch, gestrenger Herr Bürgermeister leben!" rief Resel mit hervorquellendem Gefühl. Die alte „Rose" sah in diesem Augenblicke wunderbar rührend aus. Der Bürgermeister sah darauf eine Weile starr vor sich nieder, er schien auf neue Fragen zu sinnen. Man konnte auf dem Bureau Nr. 5. die Herzschlage der armen Mutter beinahe hören. „Bekennt Ihr euch zu der Vaterschaft des Kindes, Jakob Lederer?" fragte er dann. „Ich bin ja sein Vater!" Der Bürgermeister sann wieder nach. „Und in welchem Verhältnisse lebt Ihr, Resel Mireles, zu Jakob Lederer?" „Das versteh'ich nicht, gestrenger Herr Bürgermeister." „Ich meine, giebt er Euch den nöthigen Unterhalt zur Verköstigung und Erziehung Eures Kindes." Resel machte große Augen. „Ec ist ja^mein —" wollte sie sagen, sie besann sich aber schnell und verbesserte „er ist ja sein Vater."- „Wessen Beinamen führt das Kind?" „Lederer, gestrenger Herr —" „Lebt Ihr im Hause Jakob Lederers, Resel?" Vor Resels Augen that sich in diesem Augenblick ein ungeheures Meer auf, das sie zu verschlingen drohte. Ihr Herzschlag wurde hörbarer, unter Thränen und Schluchzen rief sie endlich: „Ich bin ja seine Haushälterin, gestrenger Herr!" Der Bürgermeister sah auf; sein Herz war nicht so böswillig, daß es den schmerzhaften Ausruf Resels überhören konnte. Er ahnte wol den Zusammenhang der Sache, aber wir müssen zu seiner Ehre gestehen, daß er es bereute, die >,armen Juden" so weit getrieben zu haben .— ein freudiger Beweis, daß wir uns in unsrer früher» Hoffnung nicht getäuscht haben. Viel milder lauteten nun seine Fragen und nach dem Klange seiner Stimme konnte man beinahe vermuthen, er sei gerührt. Ec erkundigte sich sogar theilnehmend nach den Vermögensumständen Jaikews, dann. entließ er sie und als sie schon an der Thüre waren, rief ec denJaikew noch einmal zurück und sagte: „Ich rathe Euch übrigens, Jakob Lederer, daß Ihr für Euer uneheliches Kind und für Eure Haushälterin so Sorge tragt, als wären sie Euer eheliches Kind und sie Euer Weib." „Nur nicht gesorgt, gestrenger Herr Bürgermeister! So was vergißt ein Vater des Ghetto's nicht!" . Unten, vor dem Rathhause wartete der Advokat auf den Ausgang der Sache. Als er die beiden Eheleute mit heiler Haut zurückkommen sah, rief ec ihnen sogleich entgegen: „Nu, bin ich ein Lügner gewesen? Habt ihr euch ein Brösele zu fürchten gehabt?" Jaikew erzählte ihm nun freudestrahlend das ganze Verhör, und wie er sich wundere, daß vom Reschojin nicht einmal die Rede gewesen. „Narr," meinte der Advokat, „das wundert Dich' nur, weil Du das Juristische nicht verstehst. In jeder Frag', die er an Dich gestellt, ist auch der Reschojin gelegen; das muß auch der Magistrat so machen, weil er sonst niemals die Wahrheit möcht' herausbringen.. Denn jeder Mensch, wenn er einmal vor Gericht kommt und wenn er noch so unschuldig ist, hat Lust zu leugnen. Eben deswegen muß der kluge Magistrat seine Fragen so stellen, daß ec Einen herumkriegt, bevor man's merkt." Stillschweigend und in Gedanken schritt Resel neben den beiden Männern; sie schien auf die Rechtsauslegungen des Advokaten nicht Acht zu geben. Mit einem Male rief sie: „Rebb Lippmann, sagen Sie mir, was ist das ein „uneheliches Kind?" Der Bürgermeister hat's gesagt; ich hab's aber nicht verstanden." „Das ist ein Kind, wie jed's andere," entgegnete der Advokat — nur daß es keinen rechten Vater hat." „Was heißt das?" „Weil es vor der Chasne (Hochzeit) ist auf die Welt gekommen —" „Also ein Bankert?" " „Ja." „Wehgeschrien!" rief die unglückliche Resel und hob ihre Hände zum Himmel auf, mein Kind ist also ein Bankert, mein Kind ist^ nicht ehrlich? Der Bürgermeister ist ein Lügner, wenn er das sagt, mein Kind ist so ehrlich wie nur Eines in der Gaß', ich bin seine Mutter und Jaikew ist sein ehrlicher Vater, wer will mir das abstreiten?" „Narrisch Weib," sagte der Advokat, „wissen wir denn das nicht ganz gut? Aber der Magistrat d a rf's nicht wissen, und zu was hätt'st Du denn jetzt zum Bürgermeister eingestanden, daß Du nur die Haushälterin vorstellst von Jaikew Lederer?"