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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-09-04 · Heft 37 (4.9.1848) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 37 (4.9.1848)
Date
1848-09-04
Page
Seite 530 (sequence 10)
Language
German
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530 Der Advokat erschien. Er war nicht groß, ja eher unansehnlich, aber er hatte ein Gesicht, das wie lauter offene Messerklingen funkelte und blitzte. Man begriff sehr leicht den Kopf von Eisen. Bei seinem Eintreten fühlten sich die Eheleute sogleich um ein Merkliches erleichtert, so beruhigend wirkt die Nähe eines guten Rathes, selbst wenn er noch nicht gegeben ist. „Nu," fragte der Advokat und antwortete auf das „Boruch Habo" *) Iaikews Nichts, „was geht denn vor bei Euch? Machst Du nicht ein Gesicht, wie 'n dreitägig Regenwetter?" Jaikew begann nun seine Noth zu klagen, und wie er befürchte, nur wegen des Reschojins die „Zustellung" erhalten zu haben. „Wo hast . Du die?" fragte ihn unterbrechend der Advokat. Die Zustellung lag noch auf dem Tische; Rebb Lippmann nahm sie zur Hand und trat damit zum Fenster, um sie besser lesen zu können. Da sah man ihn wol eine Viertelstunde darin studiren, denn nach Art kluger und auf das Rechtswesen sich verstehender Leute, meinte der Advokat in jedem Komma und in jedem Pünktchen über dem i müsse ein geheimer Sinn wie eine Fallgrube - versteckt liegen, den man nur durch Kopfzerbrechen und Nachdenken herausbcingen könne. Man sieht, der Advokat verstand sich auf das „Recht". Nachdem er die. Zustellung mehr als einmal durchgelesen und jedes Wortwie auf einer Goldwage zehnmal abgewogen, ehe er zu dessen Nachbar überging, warf er das Papier mit einer hastigen Geberde auf den Tisch und sagte: „Kein Brösele braucht ihr Furcht zu haben, ich sags." Die Zustellung enthielt auch wirklich Nichts, als die einfache Vorladung, daß sich der Jakob Lederer, Handelsjud', und die ledige Resel Mireles Dienstag früh um 9 Uhr auf der Rathsstube Nro. 5 um so sicherer eknzufinden hatten, widrigenfalls u. s. w. Es war die gewöhnliche Sprache des Magistrats. „Meinen Sie das im Ernst, Repp Lippmann?" fragte Resel auf die Beruhigung des Advokaten. „Kein Brösele braucht ihr Furcht zu haben," wiederholte der noch einmal, „das sagt Lippmann Goldberger!" Jaikew wollte aber der so kühn ausgesprochene Trost *) „Gesegnet sei der Kommende". Ebenso antwortet der Eintretende weiter: „Gesegnet seien, die da sitzen: Boruch Joschwim". nicht recht einleuchtender sagte etwas kleinlaut: „Wenn aber doch, Rebb Lippmann." „Narr," entgegnen jener mit einem überlegenen Lächeln, das sich über die Bedenken Iaikews mit einem Sprunge hinwegsetzte, „Narr, wenn man Dir Etwas möcht' thun wollen, hatt' man Dir denn eine Zustellung in's Haus geschickt? Da wär' der Polizei gleich gekommen und hätt' Dich eingeführt*). Meinst-Du, der Magistrat schreibt erst lang und will Dich erst kn zwei Tagen sehen, wenn er Dich beim Kragen nehmen möcht'? Auf kein' Fall brauchst Du dich zu fürchten, ich versteh' mich schon darauf." Damit ging er schon auf die Thüre zu, denn er hatte sich seiner Pflicht als Rathgeber bereits entledigt. Aber die beiden Eheleute fühlten sich' durch die so kluge Auseinandersetzung des Advokaten zwischen „sogleich packender und sich erst eine Weile geduldender Gerechtigkeit" nicht im Mindesten getröstet. „Wenn aber doch, Rebb Lippmann?" fragte Jaikew, „Sie wissen ja, wir haben ohne Reschojin uns genommen, wenn man uns doch Etwas thun. will?" „In der Zustellung steht's nicht," sagte darauf der unbarmherzige Advokat, der wieder nach kluger Leute Art fest auf dem „Buchstaben" des Gesetzes fußte, und drückte schon auf die Thürklinke, um fortzugehen. ' „Wenn aber doch?" schrie die ängstliche Resel und lief ihm nach, die Thränen brachen ihr stürmisch aus den Augen; „wenn man uns wegen dem Reschojin fragt, um Gotteswillen, Rebb Lippmann, was sollen wir thun? was sollen wir reden? Helfen Sie uns, rächen Sie uns!" Der tiefe Jammer der Eheleute schien auf das juridische Herz des Advokaten denn doch einen Eindruck zu machen, er kehrte sich langsam um und setzte sich an das obere Ende des Tisches, wo er eine Weile nachdenkend vor sich niederblickte. Die beiden Eheleute standen in Angst und Erwartung. „Gut," begann er dann, „xv8itu8, ich nehm' den Fall an, man wird euch zwei nach dem Reschojin fragen, was sollt ihr da anfangen? Dich, Jaikew, wird man fragen: Jst's wahr, Jakob Lederer, daß Ihr die da hier stehende, besagte Jungfer Resel Mireles zu Euerm ehelichen Weib genommen habt? Was wirst Du darauf antworten?" *) Oesterreichischer Provinzialismus, statt: In's Gefangniß führen.

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