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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-09-04 · Heft 37 (4.9.1848) · p. Seite 529

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 37 (4.9.1848)
Date
1848-09-04
Page
Seite 529 (sequence 9)
Language
German
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529 schuldigen Tribut, hin. Mehr und weniger schmeicheln wir ja Me der „Gewalt", Resel wollte sie mit einem Stück Kuchen kirren! Im Angesichte der essenden Polizei hatte Jakkew eine mühsame Fassung erheuchelt, kaum war sie aber fort, so stieß er Gabel und Messer von sich und bedeckte sich mit beiden Händen das Antlitz. „Wehgeschrien," rief Resel, „was hast Du angestellt, Iaikew? Du hast doch keinen Diebstahl gekauft?" Zu jeder andern Zeit würde eine solche Frage, selbst von seinem Weibe, unfern Iaikew höchlichst aufgebracht haben, jetzt war sein Denken und Fühlen in Schmerz untergegangen. „Schma Iisroel," schrie er, „hast Du vergessen, daß wir uns ohne Reschojin genommen haben? Ich wett' mein Kopf, es ist wegen dem. Durch was Hab' ich mich denn so versündigt? Es ist das ein eigenthümlicher Zug im Charakter guter Menschen, daß sie alles Unglück aus ihrer Schuld ableiten wollen. . Dieses Fatum der „Sünde" übt namentlich im Ghetto seine dunkle Macht. Vielleicht haben das die Propheten des alten Bundes verschuldetdie das Kleinste wie das Größte in das gemeinschaftliche Gefäß der „Sünde" warfen, bis sie es überschäumen ließen. Der Niedersatz des verschütteten Maaßes ist im Ghetto geblieben. Und doch liegt unser Unglück so selten in uns, denn was hatte sich z. B. Iaikew Lederer versündigt, daß ein neuer König über Egypten d. i. ein neuer Bürgermeister gekommen war? Der neue Bürgermeister nun, voll Begierde sich auszuzeichnen, wollte dazu auf den Schultern unsers Iaikew Lederer gelangen. Das Verhältniß des Ghetto's zum „Staat" ist noch immer der Art; es giebt so viele nicht aufgehobene, sondern nur „eingeschlummerte" Bestimmungen und Verordnungen, die über dem Nacken eines Juden wie unsichtbare Schwerter hängen, daß selbst niedere Beamte sich in der Nolle eines kleinen „Haman" gefallen können. Im Ghetto sind daher die Blicke, wenn so ein „Neuer", kommt, stets in ängstlicher Erwartung auf ihn gerichtet. Was bringt er mit? Wird er sich auszekchnen wollen? Wie wird er gegen die Juden sein? Denn die sind sicher die Ersten an der Reihe — erst später und weNn ein langer Wirkungskreis sie mit der eigentlichen Milde des Richters vertraut machte, sieht man sie gleichsam von der Strenge „Nachlassen" und man hat Beispiele, daß sie das Ghetto oft zu seinen besten Freunden bekehrt hat. Hoffen wir übrigens dies auch von dem neuen Bürgermeister. Für jetzt ist aber keineswegs daran zu denken. Der neue Bürgermeister will streng "sein, er bekleidet seine Würde erst seit zwei Wochen — und darum wird es Iaikew Lederer büßen müssen, daß er ohne Reschojin geheicathet hat!- Ein stummer Schmerz, der sich nur zuweilen in laute Klagen Jaikews und in Thränen Resels auflöste, wogte durch die kleine Stube. Die beiden . Eheleute sahen die eiserne Hand der „Gerechtigkeit" vor ihren Augen auf- und niedergleiten, sie fühlten ihre unsichtbare Macht und wußten dennoch nicht, wie ihr entgehen. Nach langem Brüten und Jammern, das sie zu keinem Entschluß gelangen ließ, rief endlich Iaikew, als wäre ihm ein Gedanke von Gott gekommen, freudig aus: „Weißt Du was, Resel, mir fällt da was ein, schickem wir um den „Advokaten", der muß "Ans einen guten Rath geben." Resel war's zufrieden. Der Advokat aber, das müssen wir früher sagen, war etwa kein gelernter und ftudkrter, sondern ganz einfach Rebb Lkppman Goldberger, von dem die Leute rühmten „er hat einen Kopf wie Eisen". Nun, dieser eiserne Kopf war nicht so ganz sein Werk, sondern war erst in Folge.vieler Erfahrung im juridischen Wesen herangebildet worden. Rebb Lippmann gehörte zu jener Gattung Staatsbürger, die das ganze Jahr in Prozessen „bis über den Hals" stecken. Es verging nicht eine Woche, wo er nicht Etwas auf dem Magistrat oder beim Kreisamt, oder sonst wo zu thun hatte. Dadurch und auch aus einem angeborenen Hange zur Rechthaberei, hatte er sich eine solche Kenntniß der „äußern" Gerechtigkeit erworben, daß er sich getraute, seine meisten Prozesse auf eigene Faust durchzufechten. Bei den Leuten im Ghetto stand er deshalb in großem Ansehen, denn er ließ ihnen aus dem reichen.Schatze seiner Kniffe und Drehereien Manches zukommen, was ihnen bei ihren Rechtsanhab§n zu Gute kam. Er zeigte ihnen die „Gänge", die sie zu thun hatten, legte gescheidte Ausflüchte in ihren Mund, und wenn man ihm ein gutes Wort gab, so erfuhr er sogar von den Kanzellisten und Amtsdienern, mit denen er überhaupt auf dem besten Fuße stand, wann der und jener an die Reihe kommen werde, oder wann eine „Eingabe" befördert und „abgegangen" sei. Das Alles hatte, ihm und zwar oft mit mehr Recht, als manchem gelernten, den Beinamen des „Advokaten" zugezogen. 37*

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