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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-09-04 · Heft 37 (4.9.1848) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 37 (4.9.1848)
Date
1848-09-04
Page
Seite 528 (sequence 8)
Language
German
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528 mit dem Klange und dem -Begriffe der „Chasne" so gar nicht kn der langen Zeit vertraut worden? „Nu möchtest Du?" fragte er noch einmal. „Ich möcht'," sagte sie leise. „Gut," rief Iaikew, „in vierzehn Tag' machen wir Chasne und wenn auch ohne Reschojin." — Kann man nach vierzehn Jahren auch etwas Anderes anfangen? Die Eltern des alten Brautpaares hatten gegen diese Selbstbewilligung auch Nichts einzuwenden, nach zweimal sieben Jahren laßt man schon die „Familianten" fahren. Die Hochzeit ward auf den Lag Beomer *) festgesetzt. Die Chasne wurde nicht in der Gemeinde, sondern auf einem Dorfe gehalten, weil man jede Oeffentlichkeit vermeiden mußte. Es wurden nur so viel Gaste dazu geladen, als. man nöthig hatte, um ein Minjan (zehn Personen) herauszubringen. Es ging überhaupt ohne alles Gepränge dabei zu. Die Chuppe oder der Traghimmel, worunter die Zwei getraut werden sollten, wurde "nicht unter freiem Himmel, sondern in der Stube aufgerichtet und da sprach ein armer Rebbe **), weil der Kreisrabbiner als öffentliche Standesperson sie nicht vermahlen durfte, den Segen über den alten Jung' und seine Braut. — Bei dem großen Hochzeitsmahl, das darauf folgte, war die junge Frau besonders traurig. Unter der goldenen Haube, mit der sie früher zum Zeichen, daß sie nun nicht mehr zu den Mädchen gehörte, -bedeckt war und derey Fransen ihr lief in die Augen hingen, rannen heiße Thranen hervor. Es krankte die Arme, daß sie so heimlich und hinter aller Welt ihre Chasne haben mußte, als hatte sie Gott behüt' früher Etwas angestellt. „Sei still, Resel," flüsterte ihr der weit lustigere Jaikew zu, „ich Hab' Dich auch ohne Reschojin gern." — Am andern Tage war aber Iaikew Lederer ganz selig — zu seinem Glücke fehlte nicht einmal — der „Reschojin". *) Die sieben Wochen zwischen dem Pesach (Ostern) und Schebuot (Wochenfest) haben eine gewisse Aehnlichkeit mit dem „Fasten" nach dem Aschermittwoch. Jede Act Lustbarkeit wird aus Scheu vor der Einwirkung gewisser böser Kräfte, die um diese Zeit walten, unterlassen. Nur der drei und dreißigste Tag ist davon ausgenommen; da fallen Hochzeiten und sonstige Unterhaltungen vor. Dieser Tag heißt Lag Beomer oder auch Schülerfest. **) Nach talmudischer Ehegesetzordnung innerhalb des Ghetto's vollkommen giltig. „Verstummt war," sagten wirdas Jontefliedel auf seinen Lippen, dafür zuckte'darauf ein bitterer Schmerz, der sich sogar bis in die Augen zu erstrecken schien — verschwunden war das lächelnde Cholemoedgesicht! Wißt ihr nun, warum Iaikew Lederer den Mädchen und Jungen, die zur „Bne Zionprüfung" gingen, so lange nachblickte? warum er sein Kind so stürmisch bei der Hand nahm und es mitführte? woher seine plötzliche Wandlung? Der Mensch betrübt sich oft maaßlos über ganz unbedeutende Dinge, die ihm bei kalterm Blut oft ebenso lächerlich erscheinen. So hätte Iaikew Lederer sich eigentlich aus dem Schimpf des Rothhaarigen Nichts machen sollen, denn sein Kind war doch „ehrlicher" Leute Kind, wenn auch ohne — Reschojin. Vielleicht war es eine dunkjle Ahnung, die ihn plötzlich wie ein Räuber überfiel, daß der eben gehörte Schimpf nur die Unterlage eines weit größer» Unheils sei. Mittags, als Iaikew Lederer mit Weib und Kind bei Tisch saß, klopfte es an die Thüre und auf das „Herein" trat der „Magistratspolizei", einen Zettel.in der Hand, in die stille Behausung. Wer kennt nicht aus eigner Erfahrung den Schrecken, der, von der exekutiven Gewalt ausgeht? Iaikew Lederer und fein Weib waren blaß wie der Tod geworden. Die eingetretene „Polizei" war übrigens eine alte Bekanntschaft von Iaikew; sie hatte ihm immer die „Zustellungen" und Abfertigungen vom Magistrate zugebracht und dafür, so traurig gewöhnlich der Inhalt war, Etwas in die Hand bekommen. Die Polizei grüßte bei ihrem Eintreten auch ganz familiär und entledigte sich ihres Auftrages flicht in jener bacenbeißigen Weife, die schon mit der Kralle nach Einem greift, wenn man noch zehn Schritte von ihr steht. , „Iaikew Lederer," sagte sie, indem sie ihm eine „Zustellung" überreichte, „Ihr müßt Euch Dienstag, früh, Schlag 9 Uhr aufs Rathhaus stellen. Ihr seid vom Herrn Bürgermeister vorgeladen." „Wer? ich?" fragte Iaikew mit jener lächelnden Unschuld, wie sie die Angst erpreßt, „was will der Bürgermeister von mir?" Die Polizei entschuldigte sich, daß sie diese Frage nicht beantworten könne, und setzte sich währenddem ganz breit an den Tisch hin, als wollte sft sagen: wenn ich will, so habt ihr das Alles nicht! Resel verstand diese stumme Sprache der ausübenden Gewalt, sie schnitt sogleich ein großes Stück Jontefkuchen und stellte es ihr, wie einen

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