Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 36 (28.8.1848)
- Date
- 1848-08-28
- Page
- Seite 518 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Bündel mit Zeugnissen während eines halben Jahres noch keinen Fuß über das Rathhaus hinausgesetzt hatte. Jaikew Lederer und seine „Rose" sahen dadurch ihre nächste Zukunft wie mit einem scharfen Messer durchschnitten; es vergingen wieder drei Jahre, ehe sie sich von der ersten Abfertigung erholt hatten. Eines hatte aber die Zustellung abzufertigen vergessen, nämlich, daß sie aufhören sollten, einander anzugehören, sich zu lieben und zu hoffen, wiewol das „implicite" ebenfalls verstanden ward. — Es ist etwas Rührendes um so ein altgewordenes Brautpaar. Nur ganz schämig tritt da die Liebe auf, sie drückt sich verstohlen die Hände und ecröthet nur, wenn es die Leute nicht sehen. Sie kennt das Geheimniß, daß sie in den ersten blühenden Jahren erwachen hieß, beinahe auswendig und kann doch nicht sagen, wie es nach gänzlicher Lösung aussieht — ihr Sehnen grenzt so nahe an Befriedigung und ist doch nur ein peinliches Mittelgefühl zwischen Beiden. Die Leute hatten ihren Spaß daran, wenn sie über das alte Brautpaar spotten konnten. Am Sabbat gingen Jaikew und Resel gewöhnlich ganz allein spazieren, denn sie paßten weder zu den „Jungen" noch zu den Eheleuten. Die Leute meinten dann, warum man denn die Zwei so allein gehen lasse? ob denn das nicht gefährlich sei? -*- Jaikew hatte noch einmal „eingereicht" und diesmal ließ die „Zustellung" nur vier Wochen auf sich warten. Dafür war sie diesmal in einem weit weniger zärtlichen Tone abgefaßt, als das erste Mal; es stand darin von einer Nichtmehrbehelligung" des Gerichtes und anderen „Zurechtweisungen", wie diese lieblichen Ausdrücke lauten. Es war im vierzehnten Jahre ihres Brautstandes, Jaikew war ein alter Jung' mit sechs und dreißig Jahren, Resel zählte nur um drei weniger. Jaikew brachte die Zustellung in's Haus seiner Braut, sie lasen sie zusammen und der „alte Jung'" und die „alte Mad" weinten zusammen wie Kinder oder etwa wie Jakob und Rahel, als ihnen Laban ebenfalls seine Abfertigung zugeschickt hatte. — In Jaikew artete die vierzehnjährige Geduld zuletzt in stille Wuth aus. Eines Tages sprach ec zu seiner Resel: „Ich seh' schon, mit dem Reschojin ist Nichts, der Magistrat will nicht und ich will auch nicht länger warten. Möchtest Du nicht Ehasne (Hochzeit) machen, Resel?" (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Debatten über das jüdische Schulwesen. (Fortsetzung aus No. 31. 32. 35.) VII. Anklam, 10. August. Wir leben jetzt in einer Uebergangsperiode. „Vorwärts", ruft mit gewaltigem Getöse die Donnerstimme des 1-9. Jahrhunderts. „Vorwärts" ist das begeisterte und begeisternde Losungswort, das überall ertönet, in tausendfachem Echo wiederholet und als goldene Devise vom Banner der Freiheit herableuchtet. Die Fluten der Geschichte strömten brausend einher und nicht blos Gerölle ward mit fortgerissen, sondern auch alte, riesige aber durch den Zahn der Zeit morsch gewordene Gebäude sind mit drohendem Gekrache zu Boden gestürzt. Und nun ist man damit beschäftigt, neue Gebäude aufzuführen, und rüstig und kräftig sieht man sich allüberall Hände regen, die sich in emsiger Thätigkeit dieser Bauten widmen, damit sie schnell und zweckmäßig ausgeführt bald wieder dastehen, schön gestaltet, tüchtig und felsenfest, allen Stürmen und allem Toben der feindlichen Elemente trotzend. — Auch das Institut der jüdischen Schulen, das kaum die ersten Stadien seiner Entwickelung durchgemacht, soll neu aufgeführt, oder doch wenigstens durch und durch umgestaltet, reorganisirt werden; auch bei diesem Bau sind schon so manche Arbeiter betheiligt und es würden sich gewiß noch mehr heran gewagt haben, wenn sie nur dazu Gelegenheit gefunden, wenn sie nur nicht fürchten möchten, daß die Anstrengungen, wie bisher, ddch nur wenig fruchten; — denn es hat sich, wie Sie, Herr Doktor, erst neulich bemerkt, auch unter den Juden, ein tüchtiger Lehrerstand herangebildet, der nun, was vor einem Jahtzehend kaum der Fall war, die Waffen selbst zu führen vermag*). Freilich kann nicht Jeder Wesentliches schaffen; und dies ist auch nachgerade nicht so nothwendig; auch Handlanger sind nöthig; auch einige Steinchen zum Bau zusammengetragen, auch nur einige Strichlein beim Zeichnen des Grundrisses gemacht zu haben, ist verdienstlich; denn auch hier gilt: inai NY-MN lin« *) Und finden sich auch einzelne Ausnahmen, so sind es gewiß nur Solche, die sich in das gelobte Land des Magisterthums blos eingeschmuggelt haben; und solche Duodezpädagogen gehen hübsch hinter den Ofen und schweigen.