Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 36 (28.8.1848)
- Date
- 1848-08-28
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Und wie er jetzd durch das Ghetto ging, den Knaben an der Hand, der sein eigenes Kind war, ihr hättet den frühem Jaikew Lederer nicht mehr erkannt. Verstummt war das Jontefliedel auf seinen Lippen, dafür zuckte darauf ein bitterer Schmerz, der sich sogar bis in die Augen zu erstrecken schien, weil sie so feucht glänzten — verschwunden war daL lächelnde Cholemoedgesicht! Diese plötzliche Wandlung unsers Jaikew Lederer hatte ihren guten Grund. Wir hätten den auch früher schon erwähnen sollen, aber es ging wahrhaftig nicht an! Wie konnten wir dem seligen schönen Cholemoed so etwas gerade in's Gesicht hineinsagen? Dieser Jaikew Lederer hatte wirklich ohne Bewilligung geheirathet, und da der Rothhaarige in seinem Grimme einige Blatter aus Jaikew Lederers Leben und Dasein zurückgeschlagen hat, so wollen wir sie schon festhaltm und nicht eher weitergehen, bis wir sie gelesen haben. — Durch eine sonderbare Fügung des Schicksals hatte Jaikew Lederer eine ganz auffallende Aehnlichkeit mit seinem Urahnen gleichen Namens, nämlich dem Patriarchen Jakobe Ja, wenn das -schöne duftige Stück Romantik von der Liebe Jakobs zu Rachel nicht als verbürgte Thatfache verzeichnet stünde im ersten Buche Moses, im so und so vielten Kapitel, man wäre versucht zu glauben, das Ganze sei nur eine Allegorie auf die künftigen Schicksale unseres Jaikew Lederer! Auf viel Romantik darf man sich freilich nicht gefaßt halten, denn wir sind im Ghetto!- und da haben die Leute etwas ganz anderes zu thun, als müßig an den Zisternen zu stehen und den schönen Rahels die schweren Brunnenfteine wegwälzen zu helfen. Die Leute sind da selbst Steine und muffen sich schieben und wälzen lassen, wie man nur will. Dergleichen Unähnlichkeiten werden überhaupt noch mehrere Vorkommen. Das ist aber nicht unsre Schald. Eines hatten sie aber Beide gemein; sie hatten jeder ihren Laban; — den unsers Jaikew wird man alsogleich erkennen. Wie sein Aeltervater, der Patriarch, hatte auch unser Jaikew bas Unglück ein Spatgeborner zu sein, ja er übertraf ihn noch; er war der Viertgeborne unter seines Vaters Söhnen. Die alten jüdischen Mütter, die noch im Lande Kanaan ihre Kinder säugten, wie freuten sie sich und priesen den Herrn, wenn sie sich an der Kraft vieler Söhne weiden konnten! Sie würden es kaum glauben, wenn wir ihnen denJammer unsere c Mütter erzählten, die sich weit mehr nach Mädchen als nach Knaben sehnen. „Wo wird mein Jüngel eine Familie*) hernehmen?" hört man sie oft rufen und dieselbe Frage hat auch die Mutter unseres Jaikew schon in den ersten acht Tagen nach seiner Geburt — ohne Beantwortung an sich gerichtet. Sein Vater, Rebb David Lederer war zwar ein Familiant; das ging aber unfern Jaikew gar Nichts an. Denn nach dem Gesetze mußte sein ältester Brudek Rüben die Familie ererben. Der war wirklich beneidenswerth, er hatte schon eine Familie, noch ehe er im Stande war, den Begriff dieses Wortes aufzufaffen. Sein zweiter Bruder Nathan war noch ebenfalls glücklich zu nennen, er war ein Gelehrter d. h. Doktor geworden und konnte ohne Familie heirathen. Anschel, sein dritter Bruder genoß als ehrlicher Schneider dieselbe Begünstigung wie der Doktor; er hatte gleichfalls ohne Familie sich eine schaffen können, nur Jaikew selbst, der weder Erstgeborner noch Doktor, noch Handwerker, sondern em„Dorfgehec" geworden war, durfte von „Staatswegen" auf keine Familie Anspruch machen! — Es ist sonderbar, wie man so geboren werden und fortleben kann, wenn man eigentlich weiß, daß man ein Staatsverbrecher ist. Denn so einer war doch unser Jaikew, man mag nun sagen, was man will. Es ist wahr, die Erstgeburt konnte man ihm so wenig als Rebekka ihrem zweiten Sohn verschaffen, aber warum wurde er nicht gleichfalls „Doktor" oder,, Schneider?" warum verkannte ec so Zweck und Absicht der „Familien?" Da er nun aber, vielleicht schon der Abwechselung wegen, den Beruf eines „Dorfgehers" gewählt hatte, was ließ sich da an der Sache ändern? War Jaikew also, da ihm schon von vorhin eine jede Aussicht auf eine „Familie" benommen ward und er doch nach aller menschlichen Berechnung den Willen hatte, sich eine zu verschaffen, nicht schon beim Eintritt in die Welt ein sogenannter „ Staatsverbrecher?" *) Die ßafyl der ansässigen Juden in Böhmen ist seit lcknger Zeit auf einige tausend „Familien" beschränkt; sie reicht aber nicht mehr aus, da sich die Popularisationsverhaltniffe seitdem so verändert haben. Die „Besitzer solcher Familien, die erblich sind, genießen mancherlei Begünstigungen; sie sind auch verkäuflich oder werden von den Gutsherrn und Magistralen vergeben. Oft geht die halbe Aussteuer für den Ankauf einer solchen Familie hin und nur diplomirte Gelehrte oder der besteuerte Handwerker unterliegen dieser Bestimmung nicht. Ihre Kinder sind deswegen doch „ famittenloS." —