Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 36 (28.8.1848)
- Date
- 1848-08-28
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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515 Kravate geschlungen, ist vor einem Gewölbe stehen geblieben und hat sich dort nach der Wohnung des Rebb Schmul Brandeis erkundigt. Bei dieser Frage sieht man plötzlich aus dem Rudel der Knaben einen Herausstürzen, der gleichsam mit verhängten Zügeln auf das Haus des Rebb Schmul Brandeis losrennt. Der Glückliche! Er wird der Erste sein, der dort die Nachricht von der Ankunft der Kutsche verbreiten wird. Das schönste „Beckenbrod" wartet dann seiner! — „Dort wird's heut einschlagen," meinte die Mutter jener drei Schreier zu der Reichgekleideten; „ich Hab'den Schadchen das ganze Jahr da hinauflaufen sehen." „Hat auch schon Zeit," entgegnete die andere darauf mit spöttischem Lächeln, „sie klaubt sich mit ihren zehntausend Gulden schon lange genug herum. Die schönsten Partien sind ihr schon geredet worden; vielleicht bleibt sie doch einmal hängen." „Kriegt sie denn wirklich zehntausend Gulden?" „Baare zehntausend Gulden und eine Ausstattung — eine Prinzessin kann sie nicht schöner haben." Die beiden Frauen hatten es getroffender junge Mann in der atlassenen Kravate mit den blitzenden Ringen war wirklich zu der Tochter von Rebb Schmul Brandeis auf die „Beschau" gekommen. — Das Alles aber, der junge Mann und die Tochter von Rebb Schmul Bcandeis und ihre zehntausend Gulden und die „Beschau" wird jetzt über einen andern Anblick vergessen. Aus dem Hause des Rabbiners kommt jetzt eine Schaar „Kaules" (Bräute) und Bräutigame heraus. Die gehen jetzt einen schweren Gang — sie müssen nämlich aufs „Kreisamt", wo sie aus dem„Bne Zion"*) werden geprüft werden. Diese Furchtt ist besonders einigen unter ihnen, stämmigen Gestalten, die man an der bäuerischen Aussprache des Jargons als „Dorfmaden" und „Landmotzen" erkennt, nicht zu verargen. Sie treten vielleicht zum ersten Male aus dem stillen Bereiche ihrer Heimath und sollen nun in Gegenwart des Kreishauptmanns Rechenschaft ablegen, was *) Nach den bestehenden Gesetzen muß jede Braut und jeder Bräutigam des Ghetto's, bevor sie an das „Einkommen" um die Heirathsbewilligung denken dürfen, zuvor aus dem religiös-moralischen Lehrbuch „Bne Zion" in Gegenwart des KreishauptmanNs und des Kreisrabbinen geprüft werden. Dieses Lehrbuch, in seinen Formen veraltet, ist jetzt durch ein neues und zeitgemäßeres, von Dr. Wessely in Prag, ersetzt worden. sie von der Religion ihrer Väter wissen oder nicht wissen. Bei anderen ist der Blick wieder stolzer und sicherer. Denen ist die Prüfung Nichts, sie haben das „Bne Zion" im kleinen Finger; sie lachen auch die furchtsamen „Dorfmaden" aus. Mit denen hat sich freilich der Hauslehrer nicht durch ein halbes Jahr geplagt, ehe ihnen die „Moral" in den Kopf ging. -Sie werden auch hochdeutsch antworten und schon im Voraus freuen sie sich auf die verkehrten Antworten so einer „Dorfmad" oder eines „Landmotz" — die glücklichen, eingeschulten hochdeutschen Mädchen des Ghetto's! — Durch alle diese Auftritte und gleichsam wandelnden Bilder war das lächelnde Cholemoedgesicht Jaikew Lederers durchgeschritten. Er hatte sich nirgends aufgehalten, keinen Augenblick war das Jontefliedel auf seinen Lippen verstummt; wie ein Grundton zog es sich durch die verschieden klingenden und tosenden Laute des Ghetto's. Nur als er an den zur Prüfung gehenden Bräuten und Bräutigamen vorüberkam, war er still geworden; er sah ihnen lange nach, bis sie um die Ecke des „Kriminals" verschwunden waren. Jetzt war ec in die Nähe der spielenden Knaben an der Synagogenmauer gekommen; es war gerade ein heftiger Streit unter ihnen ausgebrochen. Der Rothhaarkge nämlich, der mit dem sommerfleckigen Gesicht, hatte falsch gespielt. Als ec sah, daß sich die kugelnde Münze nicht zu seinem Vocchekl wies, hatte er ihr durch eine schnelle Bewegung des Fußes eine ihm günstige Wendung gegeben. Die Anderen schrieen Verrath und Betrug. Namentlich der Knabe mit den sanften, lieben Zügen war darüber untröstlich; denn erstand gerade mit dem Rothhaarigen in der Wette. Der wollte sich aber nicht so ruhig ergeben,, er behauptete seinen Betrug. Wie feurige Streiter für Recht und Wahrheit stürzten die Anderen auf ihn los und bald war der Rothe eingekeilt zwischen den Fäusten d'ev jugendlichen Rächer. „Wart'"nur," rief er zähnekirschend dem sanften Knaben zu, „wart' mir du Bankert; denn so einer bist du, dein Vater hat so ohne Rischojin*) geheirat!" Der Knabe sing laut zu weinen an. — Jaikew Lederer war nun ganz nahe getreten; er hatte den Schimpf des Rothhaarigen und das Geschrei des sanften Knaben vernommen. Mit einer hastigen Bewegung fuhr er in den Kreis, ergriff den Weinenden beim Arm und führte ihn, ohne ein Wort weiter zu sprechen, mit sich fort. *) Die Heirathsbewilligung des k. Guberniums in Prag,