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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-08-28 · Heft 36 (28.8.1848) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 36 (28.8.1848)
Date
1848-08-28
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 löst". Aber heute ist er zu Hause geblieben und der Cholemoed findet kein gläubigeres, ihn tiefer ehrendes Gemüth als das gehetzte Menschendasein unsers Jaikew Lederer! Wie er da geht mit den nachlässig ineinanderschlenkernden Händen auf dem Rücken, ein „Jontefliedel" vor sich hin murmelnd, das der Vorsänger gestern zum ersten Mate in der Synagoge angestimmt, auf seinem Haupte den wohlausgebürsteten Sabbathut, und auf dem Leibe den alten auf so vielen Dorfwanderungen erprobten, etwas fadenscheinigen Rock, über den jedoch ein weißes Halstuch die milde Poesie des Feiertags herableuchtet, mit diesem lächelnden, auseinandergefalteten, ruhig sichern Antlitz — ist Jaikew Lederer nicht der leibhaftige Cholemoed selber? Wahrhaftig, jenes alte Mütterchen, das dort an der großen Stiege einen Detailhandel mit schimmeligem Käse und runzligen Zitronerschalen treibt, hat uns ganz aus der Seele gesprochen, wenn sie "dem Vorbeischreitenden züruft: Gehst du heut' nicht auf 'm Dorf, Jaikew? weil wir zugleich wußten, welche Antwort ihr der geben werde. „Wo fallt ihr aus, Muhry Gicel? sagt er, heutauf 'm Dorf gehen!! Soll denn der Bauer das ganze Jahr kein Ruh' vor mir haben? Oder soll nur der reiche Schmul Brandeis bei Weib und Kind daheim bleiben können und Küchel *) essen, und ich Jaikew Lederer mit dem Pack hecumlaufen, weil ihm Gott ein paar „Pehm"**) mehr bescheert hat, als mir? Heut' ist Cholemoed und mich bringt kein Mensch aus der Kille (Gemeinde) fort!" Damit schreitet ec weiter und das Jontefliedel auf seinen Lippen, das er wieder angestimmt hat, verhallt in dem muntern Getöse des Ghetto's. Denn auch anderwärts erblicken wir die Lebenszeichen des Halbfeiertages. In den Gewölben stehen die geputzten Hausfrauen, oder sitzen in Gruppen, plaudernd und scherzend davor! Das „Geschäft" ist heute Nebensache; aber seht nur diese buntbebänderten Hauben, diese goldenen Halsketten, diese schimmernden Perlschnüre! Gönnt ihr diesen armen Frauen nicht ebenfalls ihren Cholemoed, wo sie das Alles in's gehörige Licht stellen können? — Zwischendurch rennen lärmende Knaben; die brauchen heute keinen Schulstaub zu schlucken. Da steht eine *) Eine Art jüdisches Festtagsgebäcke. **) „Pehm" statt Böhmen, wie man die Groschen noch jetzt nennt. Mutter umringt von drei Schreiern, die Geld'zum Spielen begehren. Der Eine rankt sich hinauf, ihr freundlich liebkosend, der Andere hätschelt ihr die Hände, während der Dritte und Kleinste feinlistkg an der Schürze zerrt, wo sich die klingende' Münze befindet. Sie widersteht lange, endlich ergiebt sie sich. .■ „Und was werdet ihr mit dem Geld anfangen?" . fragt sie. „Heut' ist Cholemoed," antworteten die Schreier im Dreiklang und rennem mit ihrer Beute davon. — Ä?an müßte die ganze Tiefe eines Mutterherzens zu deuten wissen, wollte man jenes Lächeln verstehen, wenn die Mutter, nachdem sie einen langen Blick den dqvoneilenden Knaben nachgeworfen, sich zu einer nebenanftehenden, reichgekleideten Frau wendet und zu ihr spricht: „Sehen Sie, Madame Vögele, das hat man davon, wenn man Kinder hat!" Und warum fällt aus den Augen jener Reichgekleideten bei diesen Worten ein so gallicht grüner Schein heraus? Wurde sie beleidigt? — Die Frau hat nämlich keine Kinder. — Dort an der alten Synagogenmauer, wo die drei Nußbäume stehen, die dem „Schameß" (Schuldiener) so gute Nüsse auf's ganze Jahr geben, ist ein Haufe spielender Knaben beisammen. Sie üben sich im „Kopf und Adler". Eine Münze nämlich wird an die Wand geworfen und da muß man entweder auf den „Kopf" des Kaisers oder sein Wappen, den „Adler" gewettet haben, um wie eines von beiden fällt, zu gewinnen oder zu verlieren. Dem rothhaarigen Burschen mit dem sommerfleckigen Gesicht lacht eine häßliche Freude aus den Augen; er trägt das Geld seiner meisten Spielkameraden in der Tasche. Einem andern mit sanften, lieben Zügen rinnen Hesse Thränen über die Wange. Er hat Alles verloren, was ihm die Mutter zum Cholemoed gegeben.... Die Szene ändert sich mit einem Male. Am Anfang der Gasse zeigt sich eine Kutsche, auf dem Bocke sitzt ein rothgejackter Postillion, der die Peitsche lustig knallen laßt. Einen Augenblick darauf sieht man einen jungen Mann herausfteigen, der kommt gerade auf das Ghetto los! Bei seinem Anblick geht ein Zischeln stiller Verwunderung durch die Gewölber, durch die geputzten Hausfrauen. Neugierige Mädchenköpfe erscheinen an den Fenstern; selbst die Knaben rasten für einen Augenblick. Der junge Mann, wie ein „Prinz" gekleidet, blitzende Ringe an allen zehn Fingern, die einen magischen Glanz um sich warfen, um den Hals eine vornehm atlassene

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