Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 36 (28.8.1848)
- Date
- 1848-08-28
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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513 hat dm Werrhderselben anerkannt. Was wir inAuerbach's Dorfgeschichten suchten, meist vergebens suchten, das fanden wir in Kompert's Ghettogeschichten Es tadele uns Niemand. Wir sind gewohnt, unsre Meinung offen auszusprechen. Das, was Kompert besitzt, hätte Auerbach, besitzen müssen, diese .tiefere Gefühlsader, und Auerbach's Dorfgeschichten würden klassisch bleiben, auch wenn die Mode über sie dahingegangen. Aber Kompert muß mit seinen Ghettogeschichten dasselbe tragen, was alles Jüdische tragt, sich mit einem kleinen Kreise zu begnügen. Der große Kreis kann sie nicht verstehen. Es versteht sich, daß von den sechs Piecen dieses Buches nicht alle gleichen Werth haben. Die erste, „Judith die zweite", verdiente ihren Platz mehr durch ihre Schilderungen, als durch ihren Inhalt, der in seiner Pointe verfehlt ist. Die zweite ist unsre alte, gute Bekannte, der wir nochmals die Hand drücken, „Alt Babele". Die dritte „Schlemiel" ist vorzüglich. Ein Andrer hätte aus dem „Schlemiel" ein Hanswurststück gemacht. Kompert faßt ihn von der innern Seite des Menschen, und übertreibt Nichts. Das köstlichste und größte Stück der ganzen Sammlung, „die Kinderdes Rendars", folgen nach. Kein Wort über sie, man lese, man genieße sie. Nicht von so großer Bedeutung, aber reizend ist das fünfte „ohne Bewilligung". Lieblich, aber geringfügiger sind die kleinen „Mährchen aus dem Ghetto". Wird es uns Kompert übel nehmen, wenn wir einen Diebstahl an ihm begehen, oder, gelinder gesagt, wenn wir aus der schönen Schüssel, die er uns dargebracht, ein Fruchtstück nehmen und unseren Lesern vorlegen? Da ihm so Vieles übrigbleibt, wird er es Nachsehen. Wir geben unseren Lesern hier, um ihren Appetit nach dem Ganzen zu reizen, die fünfte Geschichte: Ohne Dewilligung. Von Leopold Kompert. Einen schönem Anblick als heute hat die Gasse schon lange nicht gehabt. Es ist Cholemoed, -und wie.ein lustigtoller Junge, der in seiner Seligkeit nicht weiß, was er früher anfangen soll, geht, er im Ghetto auf und nieder und lacht und scherzt und treibt ausgelassene Possen. Wir bemerken für diejenigen, denen die Sprache der Offenbarung — wie hottentotisch klingt, daß der Cholemoed jene schöne Zeit der Halbfeiertage ist, die jährlich zweimal, am Ostern- und am Laubhüttenfest einfällt. Denn wie man weiß, sind diese beiden Feste sehr langathmrger Natur; sie dauern durch volle acht Tage. Da hat aber der kluge Gesetzgeber, d?r sehr wohl wußte, daß es der Mensch in Leid und Freud nie lange aushält, den Cholemoed hineingeschoben. Das ist ein Tag wie jeder andere; man kann seinen Geschäften nachgehen wie sonst, auch nimmt die Synagoge nicht den größten Theil des Vormittags weg; wie überhaupt tausend Zeichen, die man aber mehr empfinden als sehen muß, es beweisen, daß heute nicht „Jontef" (Feiertag) ist. Dennoch blickt eben derselbe „Jontef" überall hindurch; es ist, als ob man den Leuten verboten hätte, davon zu sprechen, und sie ließen nun in Ermangelung dessen ihre Kleider, Gesichter und Geberden es einander zurufen. Ueber allem Thun und Treiben liegt ein eigenthümlich festlicher Dust, nirgends tönt der grelle Schrei des ^Geschäftes", und nur, um gleichsam nicht aus der Uebung zu kommen, geht der tägliche Erwerb auch heute seine gewöhnlichen Wege. Aber es waltet nicht der sonstige Geist der Betriebsamkeit; man steht es dem Rücken, der sich unter dem Packe mit Kattunrücheln und Westenstoffen krümmt, an, daß er sich lieber an die weichen Polster eines Sabbatsitzes lehnen, und den Augen, die einen Sack Wolle mustern oder ein Stück Seidenband abrauschen lassen, daß sie sich weit lieber am Dufte der Jontefspeisen weiden möchten! — Der Cholemoed ist, um „hoch" zu sprechen, gleichsam das vermittelnde Prinzip zwischen den stummen Lippen des Sabbats und der hastigbeweglichen Gestikulation eines gewöhnlichen Werkeltages. Daher auch fein so eigenthümlicher Charakter! Muß -man es nicht geradezu sagen, daß selbst die Natur heute Cholemoed hält? Singen die Vögel nicht lauter, scheint nicht die Sonne freudiger? Wie goldene Knäuel wirft sie ihre Strahlen über die engen Giebeldächer des Ghetto's! Oden ist Licht, unten halbe Dämmerung. Wo aber die Gaffe breiter ist, da lösen sich die goldenen Faden auf und fallen gewaltig hinab; wer dann zufällig darunter geht, dessen Gesicht wird ganz angestrahlt und sonnig, beinahe ganz vergoldet! — Da kommt mir gerade so ein sonnigvergoidetes Gesicht in den Weg! Ich kenne und grüße dich, Jaikew Lederer, und möchte dir gerne „Salem Alechem" zurufen. wüßte ich nicht, daß der Friede schon in deinem Herzen ist! Die ganze Woche hat er sich auf den Märkten herumgetrieben, und mit schlechtem böhmischen Akzent sein: laczini, laczini (wohlfeil) geschrien, die Elle hat in feiner Hand geklappert, und vielleicht hat er doch Nichts „ge- 36*