Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 36 (28.8.1848)
- Date
- 1848-08-28
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 die gesellschaftlichen Zustande immer theilweise wenigstens davon beherrscht wurden. Was anders war es, was neben dem Kampfe gegen den Götzendienst, die Propheten beseeltes als die Verschlechterung der sozialenZustände, und wo sie auf etwas Besonderes blicken, haben sie nicht immer die mosaische Regelung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Auge? Die Bereicherung der Reichen, die Verarmung der Armen, die Knechtung der Freien, die Verdrehung des Rechts — dies sind ihre ewigen Klagen. Die Politik lag ihnen fern; als Israel die monarchische Staatsverfafsung annahm, da suchten sie nur auch diese religiös zu durchdringen, indem sie den König als Erwählten und Gesalbten Gottes hinstellten — die schlechte Wirklichkeit sprach ihnen so Hohn, daß sie für ihr Dogma zu dem Ahn des königlichen Hauses ihre ganze Zuflucht nehmen mußten. Als das Volk aus seinen Ursitzen entfernt worden, und sich unter die Völker der Erde mischte — auch da war die Gesellschaftlichkeit von seiner Religion nicht getrennt. Seine Religion bedingte den anderen gegenüber, eine Ausnahmsstellung, weil sich die Kirche die Herrschaft angemaßt, und diese Ausnahmsstellung konnte nur eine gesellschaftliche sein. So vermischten sich Religion und Gesellschaft für den Juden durch das ganze Mittelalter bis zur Gegenwart; die gesellschaftliche Stellung des Juden war durch seine Religion verursacht, und dafür durchdrang seine Religion wieder seine gesellschaftlichen Zustände, und machte sie ihm wenigstens erträglich. Was auch für psychologische und intellektuelle Auswüchse dem Juden durch seine Stellung sich anhefteten, die Brüderlichkeit und die Gleichheit, die Barmherzigkeit und Aushilfe in den verschiedenartigsten Gestalten blieben lebendig in ihm, hatten ihre Wurzeln in der Religion und holten aus dieser ihre Dauerhaftigkeit und Stärke. Mit der Politik hatten aber auch da die Juden niemals Etwas zu schaffen. Ganz anders verhält es sich mit den übrigen Religionen. Mag auch das Christenthum da, wo es aus dem Judenthume hervorging, in seinem Ursprung, ganz besonders die sozialen Zustände, gleich seiner Mutter, im Auge gehabt haben; es war dies nur sehr allgemein gehalten, es war kein gesellschaftliches Gebau, es waren allgemeine Ausflüsse seiner Lehre. Sobald daher das Christenthum in die allgemeine Welt trat, trennte es Religion und Gesellschaft vollständig, vertrug es sich mit jeder Beschaffenheit, mit jedem Zustande. Es wollte keinen Einfluß auf die konkrete Gesellschaft üben, es hatte die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit, die der Mosaismus bekanüte, aufgegeben, und den Grundsatz der Liebe an deren Stelle gesetzt, ein Grundsatz, der>^. so herrlich er an sich ist, doch eben, nur ein subjektives, persönliches Handeln, nicht aber eine objektive Gestaltung der Gesellschaft Hervorrufen kann. Auch der Mosaismushatte die Bruderliebe gelehrt und eingesenkt, aber eben nur zwischen Mensch und Mensch, zwischen Individuum und Individuum; aber er hatte die Freiheit und Gleichheit als die Prinzipien seiner Gesellschaft darüber gestellt. Diese werden keine Fesseln dulden, sondern sie zerbrechen, die Liebe sucht nur auf die von ihnen gedrückten Wunden Balsam zu legen. Der Islam endlich war nur eine schlechte Nachahmung des Mosaismus; er suchte durch einige dürre Rechtsformeln hinzustellen, was im Mosaismus lebendiges Fleisch und Blut war. Wer weiß es nun nicht, daß die ganze Gesellschaft bis auf den heutigen Tag durch die Politik beherrscht ward? Die Politik war die Alleinherrfcherin^der Gesellschaft, und sie bestimmte und bedingte auch die sozialen Zustände. Als der Adel im Mittelalter die politische Obherrschaft an sich riß, was kümmerte er sich um die schrecklichen sozialen Zustande, in die die Völker versanken? Als die absolute Monarchie in der neuern Zeit das politische Zepter ergriff, was war ihr Streben? Den Staat politisch groß zu machen. Lange war den absoluten Monarchen das soziale Loos ihrer Völker gleichgiltig, wenn sie nur Geld und Soldaten lieferten für ihre Höfe und ihre Kriege um einige Schollen Land. Als sie anft'ngen sich darum zu kümmern, auch da geschah es aus dem politischen Gesichtspunkte (wie .bei Friedrich H.). Selbst die Revolutionen der neuesten Zeit waren nur politischer Natur, oder nahmen doch am Ende immer einen politischen Ausgang. Es handelte sich um Konstitutionen. Anders die. Gegenwart. Seit einem Jahrzehend ist eS zum Bewußtsein gekommen, daß die sozialen Zustände der Völker derartig geworden, daß sie umgewandelt werden müssen. Es muß eine neue Gesellschaft auf neuer Grundlage, nach neuen Prinzipien sich aufbauen. Nicht die Theorie hat diese Richtung hervorgerufen, sondedn das innerste Bedürfniß; nicht die Theorie wird die neue Gesellschaft schaffen, sondern das innere Bedürfniß.: Das Wie? ist noch nicht ersichtlich. Daß diese Richtung den Februar- und Märzrevolutionen in der Tiefe zu Grunde lag, wird kein tiefer Schauende verkennen.: Allerdings hat man sie in dieser Zeit in Paris, in Frankfurt und