Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 35 (21.8.1848)
- Date
- 1848-08-21
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
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495 Hier ist es nur das Eine, was als eine früher eintretende Schranke für die unbeschränkte Entwickelung jener Tendenz der Neuzeit erscheint, nämlich die höhere Geistesbildung, das entwickelte Bewußtsein. Die mittelalterliche Entwickelung geschah in einer Zeit der Rohheit, Barbarei, des Verfalls aller Wissenschaft und Philosophie; der Instinkt, die Waffengewalt und die Kette der Ereignisse waren die Faktoren der Entwickelung; um so ungestörter konnte die Tendenz der Zeit ihren ganzen Inhalt bis zu den Extremen entwickeln, und fand nirgends einen Widerstand. Nicht so in unsrer Zeit. Die Fülle des Geistes, die durch die zivilisirte Menschheit ausgegossen ist, das bedeutende RechtSgefühl, das sich den Leidenschaften gegenüber dennoch überall Geltung verschafft, tritt, das können wir vertrauen, der Einseitigkeit der Zeitrichtung zur rechten Zeit entgegen, um die extreme Entwickelung zu verhindern. Gehen wir von hier aus auf das Iudenthum über, so wird es uns bald klar werden, was zu thun sei. Das Judenthum, wie es bis jetzt bestanden, war ein Sproß der Richtung, die wir als der fcühern Zeit angehörig erkannt haben. Die talmudische und rabbinische Entwickelung des Judenthums halte durchweg den Zweck, die Lehre des Judenthums so mit einem höchst spezifischen Formwesen zu umgeben, daß es in völliger Gesondertheit bestehen bleibe. Wir haben an einem andern Orte den Werth dieser Entwickelung selbst vom welthistorischen Standpunkte beleuchtet*). Aber die Neuzeit tritt dem vollständig entgegen, und es kann keine Frage sein, daß die Neuzeit trotz allem Widerstande auch hierin den Sieg erlangen werde, wie sie ihn zum großen Theit schon erlangt hat, und dieses spezifische Formwesen des Judenthums vernichten wird. — Aber hier ist es, wo das entwickelte Bewußtsein der Einseitigkeit der Zeit entgegentreten, wo es ihr zurufen muß: aber das Judenthum selbst darfst du nicht vernichten! Dieses Judenthum als positiver Träger der Lehre vom einigen Gott, von Gott dem Schöpfer der Welt, vom Menschen als Ebenbild Gottes, als Gotte unmittelbar verbunden, von der Vorsehung Gottes über die Geschicke des Menschen und der Menschheit, vom Menschen als dem Menschen zu Recht und Liebe verbunden, von der persönlichen Freiheit des Menschen und von der Gleichheit der Menschen, wie diese *) Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam. (Leipzig, 1847.) S. 94. 148. 151. auf Gott selbst und dem Derhaltniß des Menschen zu Gott beruhen, endlich von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott dem Richter — dieses Judenthum, wie es an der Spitze aller positiven Religionen steht und die Quelle aller positiven Religion ist — dieses Judenthum darf nicht verloren gehen, darf nicht vor einer unreifen, vagen, inhaltslosen Verschmelzung der Menschen auch in kirchlicher Beziehung verloren gehen. Aber dieses Streben, die Lehre des Judenthums vor der extremen Einseitigkeit der Zeitrichtung zu retten, muß sich durch die That erweisen. Und hier ist es, wo die Synode eine solche That ist. Durch eine allgemeine Synode,-, die diesen Lehrinhalt des Judenthums anerkennt und ausspricht, und dem Formwesen, der Zeit gegenüber, die rechte Stellung anweist, durch eine solche Synode wird sowol der Zeit und ihrer Forderung Rechnung getragen, als auch der noch höhern.Forderung, das Judenthum zu erhalten für die Zukunft der Menschheit, genügt werden. Aber Zeit ist es, daß solche That geschehe, um die Jugend, die der Strömung der Zeit offen steht, um dieses Panier wieder zu sammeln und dasselbe ihr theuer und werth zu machen! Aeituttgsttachrichte». Nordamerika. New-Nork, 18. Juli. (Privatmitth.) Ueberhäuft von amtlichen Geschäften, die mir jede Zeit zur Korrespondenz rauben, sehe ich mich, nach langem Schweigen dennoch genöthigt, folgende Zeilen im Interesse der jüdischen Prediger, Vorsänger und Lehrer an Sie zu richten. Es sind in diesem Frühjahre sehr Viele dieser Herren herübergekommen, die keine Anstellung erhalten konnten, und zu anderen Gewerben, wie Hausiren oder Handwerken greifen mußten. Denn es giebt jetzt der vakanten Stellen sehr wenige, und wenn ich im vorigen'Jahre um diese Zeit im Aufträge der verschiedenen Gemeinden fünfzehn Stellen zu vergeben hatte, so ist jetzt nicht eine einzige leer. Die Gemeinden, die damals besetzt wurden, ziehen die jüdischen Familien, die auf's Land ziehen wollen, an sich, und neue Ansiedelungen sind jetzt keine vorhanden. So hat der Eine dieser Herren einen Schuhmacherladen eröffnen müssen; ein Zweiter erlernt das Zigarrenmachen, ein