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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-08-21 · Heft 35 (21.8.1848) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 35 (21.8.1848)
Date
1848-08-21
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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494 er hineingeboren wurde, und nur die außerordentlichsten Umstande im Laufe des Lebens konnten dem Individuum ein andres Recht, d. h. einen Uebergang in eine andere Korporation schaffen. Es versteht sich also von selbst, daß ein allgemeines Recht überhaupt nicht bestand, sondern daß die Gesellschaft nur eine Summe von Rechten kannte, die unter alle die verschiedenen Korporationen vertheilt war, wobei denn einige' sehr schlecht, überaus schlecht wegkamen, andere wiederum sehr gut, ja, überaus gut. Bei dieser Beschaffenheit der Gesellschaft mußten die Juden ein übeles Loos haben. Von dem Fanatismus der ersten christlichen Jahrhunderte, unter dem Zepter der ost- und weströmischen Aäsaren, ausgeschlossen, zurückgewiesen, des Bürgerrechts.verlustig, zu öffentlichen und Gemeindeämtern unfähig, nicht Sieger und nicht Besiegte — denn sie hatten nicht mitgekämpft — wußte die mittelalterliche Gesellschaft gar nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte. Sie existirten einmal, und Allesammt vernichten konnte und wollte man sie nicht; sie aufnehmen in die Korporationen der Gesellschaft wollte man auch nicht. Man baute ihnen daher abgesonderte Viertel (Ghetti's), man überließ ihnen das Einzige, wofür sich keine Korporation gefunden, den Abfall des Gewerblichen, den Trödel, und das, was am Ende allen Korporationen nöthig war, den Geldhandel, erfand für sie den besondern Stand der Reichskammerknechte/ und glaubte sie damit abgefertkgt. Dies war der Inhalt der mittelalterlichen Gesellschaft: die Theilung und die Ungleichheit. Je vollständiger diese Tendenz sich aber ausbildete und vollendete, desto näher mußte sie ihrem Verfall kommen. Denn in der Konsequenz dieser Theilung und Ungleichheit mußten sich die Härten für die benachtheiligten Klassen immer unerträglicher machen, und um so unerträglicher, als durch die neue Entwickelung des Geistes das Bewußtsein des Druckes in den Gedrückten auflebte und sich immerfort schärfte. Das Recht der Bevorrechteten wurde als Unrecht gegen den Benachtheiligten erkannt, und das Recht, welches im Gefolge der Ausschließung auftrat, erschien sofort als ein angemaßtes, also im Grunde als Unrecht. Von da ab entstand eine neue Zeit, und ihre Richtung und ihr Inhalt mußten gerade die entgegengesetzten sein: statt der Theilung eine Vereinigung, Verschmelzung, statt der Ungleichheit die Gleichheit. Man erkannte, im Gegensatz zu der voraufgegangenen Zeit, dem Menschen ein angebornes, natürliches Recht zu; dieses konnte eben nur ein allgemeines, gleiches sein; und von da ab mußten alle durch die Geburt, d. h. durch das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Klasse, gegebenen Rechte als unberechtigt erscheinen, also verschwinden. Darum die Vernichtung aller Unterschiede der Stände, darum die völlige Gleichheit vor dem Gesetze. Diese Richtung der neuen Zeit mußte nun auch die Fesseln der Juden brechen; in einer Gesellschaft, welche den Menschen mit gleichem, natürlichem Rechte geboren werden laßt, in einer Gesellschaft von Gleichen konnte der Jude nicht mehr ausgeschlossen werden, mußte er als Mensch gleichberechtigt dastehen: alle die bürgerlichen und politischen Bande, die den Juden einschnürten, mußten fallen. Allein eine.solche allgemeine Richtung einer ganzen, großen Zeit kann nicht auf begrenztem Boden stehen bleiben; Aufhebung der Stände, Vernichtung ihrer Vorrechte, Gleichstellung aller Glieder sind die ersten Momente. Aber sie wird ihre Kraft weiter entwickeln, und stößt da auf noch andere Momente der Verschiedenheit unter den Menschen. Zuerst auf religiöse, auf kirchliche Verschiedenheit. Hier wird sie die Konfessionen vernichten, die verschiedenen Kirchen hinwegräumen wollen. Sie wird das Panier: „Wir glauben Alle an Einen Gott!" entfalten und die Kirchen als Trägerinnen verschiedener Bekenntnisse niederstürmen wollen. Dann die Ungleichheit der Besitzverhältnisse. Wir wissen, wie der Kommunismus und Sozialismus bereits nicht blos das Wort, sondern auch die Waffe ergriffen haben, um das Eigenthum zu vernichten und alle Menschen in besitzlicher und erwerblicher Beziehung gleichzustellen. Wir sehen,hieraus, daß wenn die Tendenz der neuen Zeit sich ebenso fortschreitend entwickelt, wie im Mittelalter die Tendenz der Theilung und Ungleichheit, sie ebenso zu Zwang und Knechtung führen wird, wie diese. Zu Zwang und Knechtung in geistiger, namentlich religiöser Beziehung, da eben auf dem Gebiete des Geistes eine. Gleichheit nicht möglich, nicht natürlich, also nur gezwungen ist; ebenso in besitzlicher Beziehung, da der Erwerb und Besitz eine Wirkung der Persönlichkeit, diese aber wiederum natürlich, also das Gegentheil gezwungen ist. Die volle, unbeschränkte Tendenz der Neuzeit würde also zu einer andern Knechtung der Gesellschaft unter irgend einer Organisation der Gleichheit, beruhend auf der Gewalt der Masse, führen, die ihren Untergang ebenso wie das Mittelalter, aber wahrscheinlich schneller, in sich trüge.

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