Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 34 (14.8.1848)
- Date
- 1848-08-14
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225586--09585-3237854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
485 Zerstörung. Aber blieb Babel, blieb Rom bestehend Auch sie sanken, also der Freiheit ein Sieg, dem Gedanken ein Triumph. Und seit dieser Zerstörung Jerusalems, um was kämpfte, litt, duldete das Volk der Juden achtzehn Jahrhunderte? Um die Freiheit des Gedankens, frei seinen einigen Gott anzubeten, den die Völker noch nicht anerkannten. Also viel Kampf, Leiden, für die Freiheit. .Aber diese hat gesiegt in unseren Tagen, und wir Juden sind eingezogen in die hohe, heilige Halle der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Also der Freiheit am Ende doch der Sieg. Und blicken wir nun auf alle Kämpfe, die seit Babels und Roms Fall bis heute von der Menschheit gekämpft worden — überall dasselbe; oft Sieg, langer Sieg des Drucks, der Gewalt, oft riefe Niederlage der geistigen Freiheit — aber zuletzt immer wieder Vernichtung der drückenden Gewalt, des Zwangs, zuletzt immer wieder Triumph der Freiheit. Also das ist uns klar geworden, daß alle Kampfe der Menschheit einen und denselben Inhalt haben. Es 'soll nämlich dereinst alle äußere Gewalt, jegliche Waffe aus Eisen aufhören und schwinden, es soll dereinst der bloße Gedanke, die Ueberzeugung herrschen unter den Menschen; es soll demnach Zerstörung durch Menschenhände, Niederlage durch Waffengewalt nicht mehr stattsinden; sondern die Wahrheit allein durch das Wort die Menschen beherrschen. Ihr zweifelt, ob dies möglich? Blicken wir auf uns selbst. Wir Juden führen deß den Beweis. Man hat uns nicht vernichten können, so viele Waffen auch wider uns geschwungen wurden; die Wahrheit^ die wir in uns trugen, erhielt uns, und diese Wahrheit hat jetzt den Sieg erfochten, daß wir frei wurden, und Vieler Mund bekennt, was wir bekannten seit vier Jahrtausenden. Was aber also um das kleine Juda geschehen, das kann, das muß auch dereinst um die ganze Menschheit geschehen. Aber zu dieser Herrschaft der Wahrheit durch sich, zu dieser Zerstörung aller Waffen und Gewalt konnte und kann die Menschheit nur langsam, schrittweise, durch unsägliche Kampfe kommen. O, das Gelüste zu herrschen, ist zu groß in den Menschen! Die Freiheit selbst muß sich der Waffen und Gewalt bedienen, um der Gewalt und ihren Waffen ein Stück üach dem andern abzuringen, und nährt so selbst die sie bekämpfen will. Und dadurch nährt allerdings die Freiheit den Kampf selbst, und Kampf entsteht aus Kampf.... Meine Freunde! Der Kampf in der Menschheit wird immer bleiben. Nur die Mittel sollen andere werden, mit denen wir kämpfen, nur um was gekämpft,wird soll anders werden. Fühlen wir dies nicht im eigenen Herzen, daß der Kampf nicht aufhören werde? Hat denn dieses Herz, das unter dieser Brustdecke klopft, hat es denn jemals Ruhe und Frieden für immer, bevor es aufhört zu schlagen über der Erde, bevor es gebettet wird unter der Erde? Setzen wir äußere Ruhe, äußern Frieden um uns, wird darum der Streit in unserm Innern aufhören? Wird das Leid um die Unseren, wenn Siechthum, wenn Schwäche, wenn der Tod sie betrifft, aufhören? Wird die Leidenschaft in unserm Innern, die uns zum Bösen anstachelt, die unsre Begier nach dem, was Unrecht ist, entflammt, aufhören? Werden wir jemals Alles erlangen können, was wir wünschen, Alles behalten können, was unstheuerist? Nein! derMenfch ist von Gott zum Kampfe bestimmt auf Erden, und er würde gänzliche Ruhe und Frieden nicht einmal ertragen. Und fürwahr! dies ist ja der schlagendste Beweis für die Unsterblichkeit des Geistes, daß der Mensch aufErden aus dem Kampfe nicht herauskömmt. Denn darum muß die Lösung des Kampfes nicht innerhalb dieses irdischen Lebens, muß sie in einem Jenseits liegen. Wol aber muß der Zweck des Kampfes und die Art, wie er geführt wird, andere werden. Nicht die Herrschaft, nicht die Unterdrückung des einen" Theils durch den andern, sondern Wahrheit und Gerechtigkeit müssen der einzige Zweck alles Kampfes sein. Nicht äußere Gewalt, nicht Mordwaffen und Zwingburgen müssen die Mittel des Kampfes sein, sondern der Gedanke, die Ueberzeugung, der Wille der Mehrheit, das Wort und seine ^lebendige Ueberredungskraft. Und daß dahin Gott seine Menschheit leite, das sprachen schon die Propheten Juda's auS, das lehrt uns die Geschichte, das sei unsre Zuversicht. Und wenn der Prophet sprach: „wir hofften auf Frieden, und kein Glück ist", so wollen wir dennoch glauben, einst kommt der Friede, das Glück — „auf die Zeit der Heilung, und siehe da Schrecken", wir wollen dennoch festhalten an der Ueberzeugung: es ist keine Wunde, die Gott nicht heilt, kein Schrecken, den Gott nicht zerstreut.... Ja, aus der Asche Jerusalems, aus der Asche so vielen zertrümmerten Menschenglücks soll immer wieder unsre lebendige Hoffnung erstehen, daß einstens die Gräber der Vorzeit zu Denkmälern der Neuzeit werden, die Tage der Erinnerung zu Tagen der Feier, die Zeiten der Trauer zu Zeiten der Freude. ftnöttö *o