Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-08-14 · Heft 34 (14.8.1848) · p. Seite 484

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 34 (14.8.1848)
Date
1848-08-14
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225586--09584-3237853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

484 wie ein Urplötzliches, ein Blitzschnelles? Und find wir etwa schon am Ende? Weiß Jemand, was unser noch wartet?... Da vereinigt sich denn in unseren Gedanken die alte Vernichtung mit der gegenwärtigen, der alte Kampf vor fast zwei Jahrtausenden mit dem Kampf in unseren Lagen. Sollte vielleicht ein Zusammenhang zwischen Beiden entdeckt werden können? sollte .es Ein- und Dasselbe fein, was allen jenen Kämpfen zu Grunde lieget? Das wäre ein Großes, wenn wir es zu finden vermöchten, und ein Tröstliches, da es uns einen Einblick gestatten würde in die Werkstatt der göttlichen Vorsehung, und uns dessen abermals versicherte, wessen wir so überaus bedürfen, der Zuversicht auf die Führung des Meisters, der über den Wolken thronet!... Meine Freunde! Ich erinnere Euch an einen alten Spruch, an einen Spruch des Propheten Jirmeja, der das Uebelste erfahren, in der heutigen Haphtora (Jirmeja 8, 15): „Wir hofften aufFrieden, und kein Glück ist da, auf dieZeit decHeilung, und siehe da Schrecken." Dies ist es, was die kämpfende Menschheit beunruhigt, dies, was die Brust bewegt nach jedem Kampfe, ja nach jedem Siege — wenn das Gerassel der Waffen verschollen, wenn der Jubel des Sieges verrauscht ist, wenn die Abspannung sich der Glieder bemeistert, oder wenn Jeglicher die Hand ausstreckt nach den Früchten des Kampfes und Sieges — da hören wir: -die Hoffnung ist getauscht, wir hofften aufFrieden, und das Glück ist noch nicht da, auf Heilung unserer Wunden, und statt Heilung sind neue Schrecken gekommen. Um was haben wir gekämpft, wenn es übler sein soll als vordem? was nützt der Sieg, wenn der Friede und die Heilung fern sind? Aus dem durchkämpften Kampf stieg neuer Kampf, und der Sieg wich nochmals der Frage: ob Sieg oder Niederlage? Und dann erhebt sich unser. Auge über das gesammte Gebiet der Menschengeschichte,' und sichet da seit den ältesten Zeiten Schlacht nach Schlacht, Kampf auf Kampf, jeder Sieg zugleich eine Niederlage, immer kein Friede, kein Glück, keine Heilung; Schaaren auf Schaaren der gefallenen Brüder, der geopferten Söhne des einen Vaters. Da bemächtigen sich unsers Herzens unheimliche Gedanken, Gedanken des Zweifels, Gefühle des Wehs. Was ist das Ziel? wo das Ende? Sollte die Zeit der Heilung niemals kommen, kein Friede, kein Glück immerdar? Die Jugend wachst auf voll Hoffnung des Heiles, das Alter legt sich nieder voll Zweifels um den Frieden. Also gehen die Jahrhunderte dahin, also kommen und gehen die Zeiten.... Aber nicht doch, meine Freunde! Das ist des starken Geistes, daß er die Nebel, die sich vor sein Auge legen, zerstreut, das des religiösen Menschen, daß ec dm Zweifeln, der Furcht, dem Schrecken in seiner Brust kräftig entgegentritt. Er weiß es ja im Voraus, der Gott, der das Leben geschaffen, kann es nicht bloszum Tode bestimmt haben; der Gott, der das unendliche All aufgebaut, kann die Zerstörung nicht zum Inhalte seines Werkes gemacht haben; der Gott, der dem Geiste gerufen, und ihm den ewigen Drang zum Vorwärts in das Innere gelegt hat, kann nicht das ewig Einerlei der Vernichtung, des ziellosen Kampfes ihm zur Aufgabe gestellt haben. Forschen wir vielmehr nach. Wir fragen: sollte nicht ein Zusammenhang zwischen dem alten Kampfe, deß wir heute gedenken, und dem Kampfe von heute, sollte nicht ein Zusammenhang zwischen allen Kämpfen der Menschheit stattfinden? Und wir antworten: Ja, allerdings! Es ist ein Gedanke ln allen diesen Kämpfen: nämlich — der Kampf des Gedankens mit der Gewalt, der Kampf der geistigen Freiheit mit der Gewalt des äußern Zwanges. Diesen Kampf kämpfte die Menschheit in uralten Zeiten, diesen Kampf kämpft sie noch heute. Wer ihn gekämpft? Alle. Ob dieser Kampf heute mit Sieg, morgen mit Niederlage erfolgte; er mußte immerfort erneuert werden, so lange der Sieg noch nicht vollständig; er muß immerfort erneuert werden, und seien es noch Jahrtausende, bis er vollständig entschieden sein wird. Aber die geistige Freiheit,' die alleinige Geltung des Gedankens hat noch immer nicht ihren Gegner vollständig besiegt; die äußere Gewalt, von welcher Seite sie auch ausgehe, ist noch immer nicht entwaffnet; noch greifen immer wieder Völker und ihre Führer nach dieser äußern Gewalt und stützen sich auf sie; noch greift selbst die Freiheit immer wieder nach äußerer Gewalt, um sich durch sie ihrer Gegner zu erwehren — und so kann der Kampf noch nicht beendet, die Zeit der Heilung und des Friedens noch nicht gekommen sein! Juda kämpfte mit Babel, Juda kämpfte mit Rom. Um was? Um die Freiheit des Gedankens. Juda wollte die Herrschaft Babels, die 'Götter Roms nicht haben, wollte frei seinen einigen Gott anbeten. Jerusalem siel; also der Freiheit eine Niederlage, dem Gedanken eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.