Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 33 (7.8.1848)
- Date
- 1848-08-07
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
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476 ein solcher Geist sich nicht mehr halten. .Die Steuern und die Rechenschaft haben aufgehört. Die Gemeinde kann nur eine religiöse Körperschaft bilden, die, wenn eine staatliche Aufsicht stattsinden soll, der Kommune, dem Magistrat — nicht der Regierung — affilirtsein muß. — Was übrigens die Aussicht in die Zukunft betrifft, so ist sie jetzt sehr düster, düster, einmal weil sie Niemand durchschauen kann, Niemand eine nur etwas klare Vorstellung davon haben kann, dann weil die Czechen allerdings jetzt auf dem. Wendepunkte stehen, entweder gänzlich dem Deutschthum amalgamirt zu werden, oder nach einem furchtbaren Kampfe entweder zu siegen oder zu unterliegen. Wenn Deutschland einig unt>. stark, und den Entschluß fassen würde, seine Macht gegen die Czechen anzuwenden, so kann man keinen Zweifel über den Ausgang dieses Kampfes haben. Wäre dies aber nicht, und die Czechen hätten allein die jetzige österreichische Macht gegen sich — dann wäre es möglich, daß die Czechen die Oberhand behielten, und es begänne eine Slavenherrschaft an der unmittelbaren Grenze Deutschlands. Also auch unser Geschick entscheidet sich in Frankfurt. Aus Mähren, im Juli. (Privatmitth.) Man hält es immer für ein großes Glück, wenn Juden zu Deputaten in die Reichstage oder Landstände gewählt werden. Allerdings ist dies der Fall, so bald man das soeben zur Herrschaft kommen sollende, aber noch lange nicht verwirklichte Prinzip in's Auge faßt. Ob die gewählten Juden sich aber in der That immer der jüdischen Verhältnisse kräftig annehmen, das ist eine andre Frage. Wir hier in Mähren hatten den entgegengesetzten Fall. Unser Landesrabbiner, Herr Raphael Hirsch, war in die jüngsten Landstände gewählt. Man kam auf die Judenfrage. Die Aristokratie erhob sich, und meinte: man solle die Judenftage jetzt bei Seite lassen, sie wäre nicht so wichtig, um nicht vielmehr andere Fragen zuvornehmen zu sollen. Nun — da setzten Sie doch voraus, daß der Landesrabbine, Herr Raphael Hirsch, der so männlich, so fürchterlich männlich um das Rasiren am Chol hamoed gekämpft, aufgestanden und dagegengedonnert habe — nicht das Geringste, er — schwieg. Er schwieg, wo Reden Pflicht, höchste Pflicht, alleiniger Zweck seines Dortfeins gewesen wäre, während er bei anderen Gelegenheiten ruhig hätte schweigen sollen. Zum Glück war ein Bauer da, der die Sache richtiger ansah, und sich mit Energie dagegen aussprach. Die Judenfrage sei sehr wichtig, denn sie beträfe nicht blos -das Schicksal einer großen Zahl Mitmenschen, .sondern greise auch tief in die Verhältnisse des Landes, in die volkswirthschaftliche Lage und das vorherrschende Prinzip des Staatslebens ein. Der Bauer, unterstützt von seinem ganzen Stande, siegte, während der Jude die Zukunft seiner Glaubensgenossen dem Zufall überlassen hatte. Aus Oberschlesien, 23. Juli. (Privatmitth.) Wie bedauernswerth ist doch die Gesinnung unserer hiesigen Glaubensgenossen! Während ganz Deutschland in Kämpfen sich abmüdet und am Brande der Parteiung sich verzehrt, schlummern diese in dem patrizischen dolce far niente die bewegte Zeit dahin und kümmern sich wenig ob Gewissensfreiheit oder Gewissensknechtung obsiegen, ob Despotismus oder Liberalismus das Loos des Vaterlandes entscheiden werde. Außer der Ruhe kein Heil für sie, gleichgiltig ob diese aus den Schlünden der Kanonen oder durch den Friedensmund des weltbezwingenden Rechtes verkündigt wird. Nur Ruhe und immer nur Ruhe predigen diese Krämerseelen und vergessen, daß erst die Bewegung ihre Stellung aus der Jsolirtheit herausgchoben und auf den Markt des öffentlichen Lebens Eingetragen habe; daß die Ruhe, die sie so sehnlichst zurückwünfchen, viele Generationen in die Dumpfheit freiheitsmörderischer Abgeschlossenheit gebannt hielt und deren Geisteshauch mit dem Gifte der Tyrannei abgetödtet hatte. Das rührt aber die. feige Selbstsucht nicht! Nur auf dm Seckel bedacht, bleibt sie für die heiligsten Angelegenheiten der Menschheit kalt und theilnahmlos, und rechnet nach Pfennigstücken, während das Schicksal um die höchsten Lebensgüter des Vaterlandes die Loose mischt. Dieses pharisäische Geschlecht scheuet sich nicht seine Mißstimmung über die Verwirklichung unserer so lange Zeit warm gehegten Hoffnungen laut auszusprechen und das theuere.Errungniß der Gegenwart, unsere Emanzipation, um den Henkerssold der Grabesruhe zu verschachern. — Und die Rabbiner? invv >222! Die geistlichen Herren wissen gar gut, daß mit der Freiheit des Leibes auch der Geist sich befreien werde von der Engherzigkeit, dem Wahne und all dem trüben Dunst, den eine krankhafte Zeit ausgeathmet; daß mit dem Eintritt des Juden in den Staat und seiner innigen Betheiligung an ihm, er die beengende Schranke überschreiten