Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 33 (7.8.1848)
- Date
- 1848-08-07
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
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472 eigenthümlich, daß man jetzt so häufig den Vorwurf vernimmt, die Juden stellen sich zu sehr an die Spitze der Bewegung. Wo ein Jude öffentlich spricht, spürt man es aus, und schreit: die Juden sind die Revolutionärs. An allem dem ist kein wahres Wort. Die alte Solidarität, das alte Einstehen Aller für Einen ist wieder da. Die Juden en masso sind jetzt höchst konservativ gesinnt. Es giebt nichts Konservativeres. Sie, die am Vermögen durch die revolutionären Bewegungen äußerst gelitten, und noch weit mehr leiden würden, wenn sie wiederkehrten, werden sich hüten, zu spuken. Daß aber Alles, was unter den Juden höhere und kräftigere Geistesbildung hat, der Bewegungspartei angehört, ist wiederum sehr erklärlich. Die Juden sind zu lang gedrückt worden, gerade die geistig hervorragenden Juden sind so lange ausgeschlossen und im Theuersten beschränkt worden, als da-ß sie jetzt nicht um so höher sich aufrichten, um so williger sich der Bewegung hingeben sollten. Darum aber sind doch die Juden diesen Bewegungsjuden gram, und verleugnen sie. Von einer Schuld kann natürlich nicht die Rede sein. Jeder handelt seiner Ueberzeugung nach. Ist denn die Zeit der Wahrheit noch nicht gekommen, daß man das Wort von der Zunge wieder hinunterschlucken solle? So ist es denn aber auch in ganz Frankfurt, der ganze Bürgerstand ist konservativ und würde in der Paulskirche — mit Erlaubniß — sich auf die äußerste Rechte setzen. In den s. g. unteren Schichten spukt allerdings der Republikanismus, allein ein solcher, der nicht zur That wird, der sich beim Kruge Bier verlautbart und da derb auf den Tisch schlägt. — In unsrer Gemeinde ist es sehr todt; der Jndifferentismus, den insonders die jüdische Schule von Kindesbeinen an nährt, nimmt sehr überhand; unser Rabbiner ist strebsam, aber der Gottesdienst ist doch zurückgegangen, indem der Chor jetzt gar nicht mehr existirt, und nur die Gemeinde früher gehörte Gesänge nachsingt. Das deutsche Element ist noch wenig seit drei Jahren gewachsen; sehr gut macht sich der Vortrag aus der Tora, ohne Lrop, die Bedeutung hervorgehoben, ohne Mischeberachs, und der dreijährige Kursus. Die Haphtora wird nur deutsch gelesen. Frankfurt am Main, 28. Juli. (Privatmitth.) Die Vereine blühen hier auch wieder auf. Die Vereine? Meinen Sie nur nicht Volks- und Bürgerversammlungen, öffentliche, mit freiem Zutritt — nein! Geschlossene Gesellschaften. Sohatsichauch hier ein „Bürgerverein" gebildet, mit dem höchst achtbaren Zwecke, Annäherung, gesellschaftliche, zwischen den verschiedenen Konfessionen hervorzubringen, namentlich zwischen Juden und Christen, was hier noch sehr Noth thut. Es traten sofort an 7—800 Mitglieder aus allen Ständen ein, worunter 50—60 Juden. Allein solche geschlossene Gesellschaften haben nur einen Werth — in ihrem Zweck. Von da ab sind sie in der Regel nichts mehr werth. Ihre Blütezeit liegt im Anfang. Dann ist es vorüber. So hat denn in diesen Tagen der Verein beschlossen, neue Mitglieder nur mit 2jz Majorität in Zukunft aufzunehmen und damit ist der Verein exklusiv, also in seinem Zwecke vernichtet. Sind Vielen, nämlich Juden, doch schon zu viele Juden darin! — Dieser letzte Passus führte mich zu einer neulichsten Sitzung des bekannten Montagskränzchen, das in den glorreichen Zeiten der kirchlichen Polemik florirte. Lange hatte Niemand an dasselbe gedacht, als es jüngst sein Lieblingsthema wieder hervorholte. Der bekannte Robert Haas hat jüngst den Einfall bekommen, daß es jetzt Zeit sei, eine neue Kirche zu gründen, nämlich keine, eine Kirche ohne Kirche, eine Konfession ohne Konfession, einen Glauben ohne Glauben, eine Religion ohne Religion, oder so Etwas, was in's Aschgraue geht. Er tritt sofort sein Pfarramt ab, begiebt sich nach Frankfurt — was jetzt die Herberge aller Don Quixote ist— trommelt das Montagskränzchen zusammen, und läßt sich nun über seinen Plan, eine Nationalkirche, eine deutsche, zu gründen, wo Juden, Christen, Türken und wer sonst will, eintreten können, um einen deutschen Gott anzubeten, vernehmen. Seine Ansichten werden mit Anklang gekrönt. Da tritt Professor Wigard, der ehemalige Vorkämpfer des Deuschkatholizismus, ausi und erklärt, daß es jetzt keine Zeit sei, um eine neue Kirche zu gründen, daß die Deutschkatholiken auch versucht ein Dach zu bauen, worunter sie Viele erwarteten, aber die Vielen sind nicht gekommen, und das Dach fängt an wieder zu verfallen. Dies wollte der deutschkatholische Pfarrer Floß, der darauf folgte, nicht zugeben. Da trat — merk auf, mein Leser — da trat Theodor Creuznach, der Jude, und dabei Hofmeister bei Rothschilds, auf. Er führte durch: daß der religiöse Jndifferentismus eigentlich die Blüthe des Menschengeistes sei — un-