Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 31 (24.7.1848)
- Date
- 1848-07-24
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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446 -rationsverpflichtungen Seitens der wegziehenden jüdischen Gemeindeglieder in der Provinz Posen nach wie vor zur Anwendung zu bringen. ' Vorstehender Erlaß ist den übrigen Herren Dberpräsidenten und sämmtlichen Regierungen, so wie dem hiesigen Polizeipräsidio, mitgetheill worden. Berlin, den 8. Mai 1848. Der Minister des Innern, v. Auerswald." An den königl. Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg und Abschrift an sämmtliche übrige königl. Oberpräsidenten, so wie an sämmtliche königl. Regierungen und an das hiesige Polzeiprasidium, zur Kenntnißnahme und Nachachtung. Da nach dem Gesetze vom 23. Juli 1847 die naturalisirten Juden im Großherzogihum Posen die vollständigen Bürgerrechte, so weit dieses Gesetz sie überhaupt einräumte, besaßen, so sind diese nunmehr sür alle Juden Preußens ausgesprochen. Breslau,-im Juli. (Privatmitth.) In hiesiger Gemeinde ist der Sturm.losgebrochen und die Revolution hat ihre heißen Wellen bis hierher in das Herz der jüdischen Körperschaft gespült. Alle gemeinschaftlichen Verhältnisse sind aufgelöst, die öffentlichen Anstalten verfallen; die beiden großen Fraktionen, die hier lange Zeit so schroff sich gegenüber standen, haben sich jetzt dahin geeinigt, sich der Gebundenheit eines Gemeindelebens zu entheben und als lose Gliedschaften neben einander herzugehen. Die Ursache dieses plötzlich eingetretenen anarchischen Zustandes ist jedoch nicht in der Gegenwart zu suchen, sondern liegt in Lhatsachen, die schon mehr der Vergangenheit angehören, und deren Wirkung eben nur eines solchen Zeitpunktes, wie des jetzigen bedurfte, um als eine so schädliche sich herauszustellen. — Die große Mehrzahl der hiesigen Gemeinde will den Fortschritt, aber den gemäßigten, historischen Fortschritt, kein Ueberstürzen, kein Hinüberspringen zu Extremen. Der kleinere Lheil hingegen spaltet sich in Solche, die Radikalreformen, oder vielmehr gänzliche Desavouirung des gewordenen Judenthums verlangen; serner in. Solche, die das Judenthum nur in stereotypen Formen kennen und jeder Entwickelung Hohn sprechen, und endlich in Indifferente, die mit aller Religion Schacher treiben, und sich dahin richten, wohin sie gerade vom Winde getrieben werden. Den historischen Fortschritt sollte Geiger repräsentiren, welchen sich auch die ultrareformistische Fraktion zum Führer nahm; für die konservative Partei galt Liktin als Obmann; die Indifferenten bedurften keines Schibolet um sich kenntlich zu machen. Geiger, der von Haus aus radikal gesinnt ist, und von den Ultrareformern dazu gedrängt wurde, konnte sich nicht so ganz und gar in der engen Sphäre des gemäßigten Fortschrittes bewegen, ohne nicht zuweilen Überschreitungen aus der beschränkten Bahn sich zu Schulden kommen zu lassen, wodurch freilich Vielen Veranlassung geboten ward, seine Fahne zu verlassen, und zu Liktin überzutreten, wenn dieser auch nicht der Mann war, der ihrer religiösen Ueberzeugung Zusagen konnte. Andere, und zwar die Meisten, verblieben dem Anscheine nach der Geigerschen Partei treu, aber sie bildeten die Mißvergnügten in derselben, und einmal in ihren Erwartungen getäuscht, gaben sie alles Vertrauen auf und sträubten sich auch gegen die Reform, welche heilsam, ja nothwendig war. Den Ueberstürzern und rastlos Vorwärtstreibenden konnte Geiger ebenfalls nicht genügen; sein Gang schien ihnen gelähmt, seine Maßregeln nur halbe zu sein. So standen die hiesigen Verhältnisse, als die Erschütterungen der Neuzeit den Geschäftsverkehr zu Boden drückten, und die Nahrungslosigkeit überhand nahm. Die Gemeindebeiträge konnten nicht mehr eingetrieben werden; der Chor mußte aufgelöst werden, das Armenwesen seinem Schicksal überlassen, und selbst die Krankenpflege, die Zierde der hiesigen Gemeindevereine, unbesorgt bleiben. Da wird der Vorstand aufgefordert sein Amt niederzulegen, das er nach einiger Zögerung auch thut. Aber bald gefällt man sich in dieser Losgebundenheit von allen Pflichten; nicht Geiger, nicht Liktin! das ist das Losungswort, und um die Existenz des Erstern für hiesigen Ort zu retten, beschließen Einige eine Reformgenoffenschaft zu bilden, zu deren Prediger G. gewählt wird. 120 Mitglieder sind Alle, die sich gemeldet haben, und es ist die Frage, ob diese Wenigen im Stande sein werden, die Kosten zu erschwingen, die zur Erhaltung der Synagoge und ihrer Diener nöthig sind. Wozu sich die große Mehrzahl der Gemeinde entschließen wird, ist noch unbestimmt; Herrn Liktin wird vermuthlich sein Häuflein bleiben, das eben auf eine sehr geringe Zahl beschränkt ist, und wir stehen vielleicht bald vor einem Zeitabschnitt, der ein neues geregeltes Gemerndewesen hier einführt.