Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 31 (24.7.1848)
- Date
- 1848-07-24
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
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444 VorurtheiL und Wahn basirten superklugen Bemerkungen von der Donnerstimme des 19. Jahrhunderts, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ruft, übertönt und zum Schweigen gebracht werden. Aber hier zu Lande, wo auch dort, wo der Zopf bereits geschoren, immer noch wenigstens einige Haare zum Vorschein kommen; wo die Stimmung deshalb noch nicht allgemein für die Juden ist, weil man sie und ihre Religion noch nicht genug kennt, ist es nothwendig, so viel wie möglich dazu beizütragen, daß die in vielen deutschen Blättern leider noch immer vorkommenden Auswüchse des Menschen- oder — möchte ich lieber sagen — des Krämergeistes in's rechte Licht gestellt und richtige Ansichten vorbereitet werden. Namentlich könnte dies durch die jüdischen Zeitblätter geschehen, und wäre es wünfchenswerth, wenn dieselben auch von gebildeten Christen gelesen werden möchten, wie dies schon an vielen Orten, z. B. in Neu-SLettin geschieht; das hat großen Nutzen. — Der erwähnte Aufsatz lautet also: „In No. 48 des Pommerschen Volks- und Anzeigeblattes macht ein Herr Anonymus mit der Unterschrift „12" die Bemerkung, daß man jetzt „die tollsten Schwindelgeister unter den größtentheils (?) jüngeren Jugendlehrern findet", sodann bezieht er diese Bemerkung noch besonders auf einen jüdischen Lehrer „in kleinern'Orten", als ob dieser nicht schon unter dem Ausdrucke „Jugendlehrer" mitbegriffen wäre, und endlich macht er sich das Vergnügen, dem Ganzen noch ein Z öpfch en anzubinden. Denn wie paßt sonst der Schluß; „Wahrlich die Juden (und zwar die Gesetz und Frieden so sehr liebenden Juden, wie Hr. A. in No. 49 des genannten Blattes nachträglich bemerkt) haben am Allerwenigsten Grund, mit der bisherigen Regierung unzufrieden zu sein" zu dem Vorhergehenden? — Oder ist es recht, den Juden im Allgemeinen Unzufriedenheit vorzuwerfen, wenn, was übrigens noch gar nicht erwiesen, ein jüdischer Lehrer in einem kleinen Orte als „Ultrademagoge" auftritt? Ob aber die Juden überhaupt Ursache hatten, mit der bisherigen Regierung unzufrieden zu sein, ist eine Frage, die wol von Jedem, der von dem Standpunkte des Rechts und der Wahrheit ausgeht, bejaht werden dürfte. Denn bisher waren die Juden — dies ist genugsam bekannt—mit vielen Ausnahmsgesetzen belastet, und welchen Grund hatte man hierzu? — Welchen Grund hatte man sie als Ausnahme zu betrachten? Sind sie nicht Menschen? Sind sie nicht Ebenbilder Gottes? Oder ist's ein Verbrechen, sich, zu der Religion zu bekennen, aus der die anderen herrschenden Religionen hervorgegangen? Ist's ein Verbrechen, der angestammten väterlichen Religion, trotz der damit verbundenen Beschränkungen, treu zu bleiben? Man sagt freilich, die Juden wären in früheren Zeiten noch beschränkter, noch bedrückter gewesen; sind die Fesseln, mit denen man sie umgab, aber dadurch auch nur um ein klein wenig'gerechtfertigt? Mit Nichten. Und dennoch waren die Juden stets Gesetz und Frieden liebende Unterthanen, und sagt ein Schriftsteller neuerer Zeit (Krämer: Die Juden und ihre Ansprüche an die christlichen Staaten): „Er (der Jude)ist ein friedlicher und ruhiger Bürgerund bekrittelt nicht die Verfassungen und Einrichtungen der Staaten ... Treten andere Bedürfnisse für den Staat ein, so ist gewiß derJude der dankbare Bürger, auf dessen Beistand man sich verlassen kann." — Die Juden sagten nicht: ubi bene ibi patria; sie kämpften mit allen Kräften für ein Vaterland, das sie nicht als seine rechten Kinder betrachtete und alte, schon morsch gewordene Schranken bestehen ließ, die sie von den übrigen Landeskindern trennten; sie sahen geduldig zu, wie man langst erworbene und längst verheißene Zugeständnisse ihnen auf der Goldwage zumißt — und sie liebten dennoch ihr Vaterland. Sagen Sie, Herr Anonymus , wann ist das Gesetz vom 11. März 1812 in seinem ganzen Umfange in Ausführung gekommen? Wissen Sie es nicht, daß der §. 8 dieses Gesetzes, der den Juden das Lehrfach an Schulen und Universitäten eröffnete, später, im Jahre 1822, aufgehoben, daß das Avan- ' cement im stehenden Heere, das in den Freiheitskriegen ungehindert war, später ihnen verschlossen wurde? Oder erlöste sie das Gesetz vom 23. Juli 1847 von den verrosteten Fesseln? —Wurde ihnen durch dasselbe nicht eine Kontribution aufcrlegt? Und dennoch waren sie fort und fort treue Unterthanen im wahrhaftesten Sickne des Wortes und werden es auch bleiben und sich der neuen Freiheit würdig zeigen. Und wenn man sie noch so sehr verleumdet, wenn man immer noch nicht aufhört, die Fehler Einzelner Allen vorzuwerfen; wenn man auch noch hie und da liebenswürdige Gesinnungen zu Tage bringt, die mehr dem düstern Mittelalter als dem lichtvollen 19. Jahrhundert ähnlich sind, „und wenn