Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 31 (24.7.1848)
- Date
- 1848-07-24
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
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439 Abterode, 9. Juli. Aufruf an die Rabbinen Deutschlands. Als eine der edelsten Früchte, welche in dem 'Boden des neuen Staats- und Rechtslebens kräftige Wurzeln schlagen werden, begrüßen wir das Recht der Religions¬ und Glaubensfreiheit. Soll dieses kostbare Gut nur eine Errungenschaft der Bekenner des christlichen Glaubens sein, und sind alle übrigen Konfessionen von dem Genüsse dieses Rechtes ausgeschlossen? Bei unbefangener Betrachtung können wir nur mit einem entschiedenen Nein antworten. Die Völker Deutschlands haben eine allgemeine Religionsfreiheit angesprochen, die Fürsten haben diesen Anspruch für begründet erklärt; und da man für die Bekenner des Judenthums eine exzeptionelle, den allgemeinen Grundsatz modisi'zirende Bestimmung nicht getroffen hat, so können wir die lange gehegte Hoffnung, von den drückenden Fesseln des Glaubens- und Gewissenszwangs befreit zu werden, als erfüllt ansehen. Mögen auch die Anhänger des abgestorbenen Regierungssystems eine andere Ansicht heraufzubeschwören versuchen, mag auch in einzelnen Staaten das Bestreben sich rege machen, unsere begründeten Rechte zu verkümmern, man wird es nicht vermögen, uns langer als blos geduldete Einwohner an der Schwelle des politischen Lebens stehen zu lassen. Das Recht und die öffentliche Stimme sind die mächtigen Pfeiler, auf welche wir gleich einem jeden Deutschen unsre Zukunft gründen. Die deutsche Reichsversammlung zählt,- was nicht bestritten werden kann, Freiheit des Glaubens und der Religionsübung, Gleichheit aller Religionsparteien in bürgerlichen und politischen Rechten zu den Grundrechten des deutschen Volks. Beschränkungen dieses Fundamentalgesetzes zum. Nachtheil der Juden können, wenn das deutsche Parlament nicht ein leeres Phantom sein soll, von den einzelnen Regierungen nicht ausgehen. Hiernach kann man die Furcht, daß wir, was unsere politische Emanzipation betrifft, noch weit vom Ziele entfernt stehen, als unbegründet bezeichnen. Wenn wir nun aber auch hoffen dürfen, daß unser Religionsbekenntniß auf unsre bürgerliche und politische Rechtsfähigkeit in der Zukunft nicht den geringsten Einfluß zu äußern im Stande sein wird, so wird diese Hoffnung doch durch die Besorgniß getrübt, daß wir von einem andern höchst wichtigen Ziele noch weit entfernt sind;> es ist dies die Befreiung von der jetzt noch im Judenthum herrschenden Geistesknechtschaft, welche unter der tausendjährigen Tyrannei des Rabbinismus so fest gewurzett ist, daß an eine Erlösung fast nicht zu denken ist. Ist noch ein Nachweis darüber erforderlich, daß die jüdische Religion unter dem Drucke jener Geistestyrannei, welche jeder freiem Entwickelung, jedem hohem Aufschwung von jeher hemmend entgegengetreten ist, in eine endlose Masse von unnützen Formen und schädlichen Zeremonien gehüllt wurde, so daß jeder Versuch einer freien Regung auf dem Gebiete der Religion vor dem undurchdringlichen Zeremoni'enpanzer zurückbeben mußte? Der Inhalt unsrer Religion wird von dem orientalischen Formelkrame bedroht; der Kern läuft Gefahr, von der Schale zerdrückt zu werden. Schon langst hat man die gefahrvolle Stellung des Judenthums erkannt, manche ernste Stimme hat sich erhoben, um unsre Religion von schmachvollem Untergange zu retten. Haben aber die bittenden und mahnenden Stimmen einigen Anklang gefunden? Haben insbesondere die Rabbiner den Nothruf so vieler Lausende ihrer Glaubensbrüder gehört? Wenn man sagt, unsere Lehrer und Seelsorger hätten die Zeit und ihre Stellung nicht begriffen, sie hätten nicht ihrem Berufe gemäß gewirkt, sie hätten zur Belebung des fast abgestorbenen Judenthums wenig oder gar Nichts beigetragen, dann dürfen diese hierin keinen sie kränkenden Vorwurf finden. Ihr Verfahren laßt sich wol rechtfertigen durch die Verhältnisse der jüngst verflossenen Zeit. Von oben her wurde ja jeder Weg, der zum Lichte führen konnte, versperrt, man wollte keine Reform, keinen Fortschritt, sondern Alles war auf das Zurückgehen berechnet. Eine gefährliche Partei umstrickte ganz Deutschland mit dem Netze des Mystizismus, alle jesuitischen Ränke wurden benützt, um das Volk in dumpfe Versunkenheit zu bringen. Was Wunder, daß auch auf die ohnehin schwache Zahl der Juden der Mystizismus seinen unheilvollen Einfluß äußerte! Jene Zeit ist aber vorüber; das politische System, welches den Völkern das Lebensmark austrocknete, die Blüte alles geistigen Lebens mit eisiger Hand erstarren machte, ist zertrümmert, und hiermit ist auch für die Wiedergeburt des. Judenthums eine neue Aera aufgegangen. Was kann uns jetzt noch hindern, neue Lebenskeime unsrer der Auflösung nahen Religion zuzuführen, und diese auf den ihr gebührenden Standpunkt zu setzen? Wir sind freie Deutsche, laßt uns als Solche frei sein im Glauben und km Handeln, laßt uns das Joch abwerfen, welches eine knechtende Geistesherrschaft uns aufbürdete!