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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-07-24 · Heft 31 (24.7.1848) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 31 (24.7.1848)
Date
1848-07-24
Page
Seite 438 (sequence 2)
Language
German
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438 daran hat wol das Vorherrschen der politischen Bewegung am Meisten Schuld. Nun kommt der zweite Umstand hinzu: nämlich die großen Geldbedürfniffe der jüdischen Gemeinden, und der außerordentliche Indisserentismus, der in religiöser Beziehung zahllose Juden beherrscht. Dieser Jndifferentismus wird bei sehr Vielen das Zurückhalten der Geldbeiträge bewirken, und damit würde die Gemeinde, auch ohne die religiöse Parteiung, in Gefahr der Auflösung kommen. Die große materielle Noch, die Nahrungslosigkeit, die namentlich in den großen Städten vorhanden, wird dies sehr befördern. Wir sehen, das Iudenthum ist zu einem großen Wendepunkt gekommen. Kleingläubige schütteln das Haupt, und meinen, es wird ihn nicht überstehen; gewisse andere Leute ziehen die Achseln, und meinen „seine Zeit wäre gekommen". Lassen wir uns hiervon nicht berrren. Es ist sogar oft sehr gut, daß solche Zeiten kommen, denn sie wecken die Energie und den Widerstandsgeist von Neuem, und .was jahrelang sich resultatlos hkngeschleppt hat, das kommt dann oft im Nu zu Stande. Die zersplitterten Theile rücken einander naher, und vereinigen sich inniger und zu neuer, längerer Dauer. In solchen Krisen'macht sich Alles, was noch an Lebenskraft vorhanden, auf und setzt dem Tode eine erregte Macht entgegen. Wir können es nicht leugnen, das alte jüdisch? Gemein dewesen hat sich überlebt. Längst war dies Ge-' fühl da, aber ein Bestehendes, noch dazu meist vom Gesetz des Staates gehalten, hat eine zähe Gewalt. Wir meinen das Gemeindewesen, wie es sich aus dem Mittelalter hecausgebilvet und durch die Jahrhunderte des Stillstandes erhalten hatte. Dieses Gemeindewesen, in welchem die Gemeinde selbst gar keine Gewalt, keinen Einfluß hatte, in welchem der absolute Staat durch die Vorstande im Kleinen dargestellt, höchstens durch einen beigeordneten Ausschuß ein repräsentativer Beigeschmack gegeben war. Die neue jüdische Gemeinde kann sich nur auf allgemeinem Stimmrecht erheben, auf der individuellen Geltung jedes Einzelnen innerhalb der Gemeinde. In religiöser Beziehung ist dies auch das allein Richtige, denn die Vertretung hat in religiösen Dingen keine Bedeutung; in religiöser Beziehung kann Niemand vertreten werden, weil die religiöse Ueberzeugung stets individueller Natur ist. Die Leser der früheren Jahrgänge dieser Zeitung werden sich erinnern, daß wir seit Jahren darauf aufmerksam gemacht und dies gefordert haben. Es ist dies schon mosaischer Grundsatz, der in der „Gemeinde des Herrn" eben die Versammlung aller Glieder erkennt. Die neue jüdische Gemeinde muß dieses natürliche Recht allen ihren Gliedern zugestehen. Die Gemeinde in ihrer Vollgiltigkeit, die „Aeltesten" aus jährlich erneuter Wahl hervorgegangen als Administrkrende, und der Gemeinde verantwortlich — dies ist der einfache Organismus der neuen jüdischen Gemeinde. Dadurch werden die Glieder wieder lebendig werden. Dazu bedarf es keiner künstlichen Gesetzgebung. Die Vereinigung der Glieder zu einer Gemeinde aus dem Wege des Vertrages. Kein Zwangsgesetz des Staates, kein Bindemittel durch von außen hergeholten Zwang, sondern Vertrag, der aus dem freien Beschluß der ganzen Gemeinde hervorgegangen, und dadurch bindende Kraft erhalten hat, welche Kraft durch den offen gehaltenen Weg Rechtens eben bindend erhalten wird. Dieser Weg mag weitläufiger sein, als der kurze des Zwanges, er ist aber der einzige, welcher bei religiösen Dingen erlaubt ist, der einzige, der mit Recht die individuelle Freiheit beschränkt. . Was aber als ein günstiges Resultat aus dieser Neugestaltung und der ihr vorangehenden Wirre hervorgehen wird, das ist die Freiheit der religiösen Bewegung. Diese religiöse Bewegung stand bis jetzt unter dem Zwange des Gemeindewesens, und so ist es oft genug gekommen, daß eine Minorität Gesetze, vorschrkeb und den Kultus zum Stillstände, d. h. zum Verfall verurtheilte. Dies wird aufhören. Mögen die Vernünftigen unter den Orthodoxen doch immer mehr einsehen, was sie können, wenn sie nur die Augen öffnen wollen, daß. die religiöse Bewegung allein das Judenthum retten kann, daß es also gar nicht mit ihren individuellen Ansichten unvereinbar ist, die religiöse Bewegung zu begünstigen. Mögen sie auf ihre eigenen Familienglieder, auf ihre Kinder sehen, und sich Rechenschaft geben. Dies ist es, was wir glauben. Und wenn demnach aus diesen gegenwärtigen Stürmen, aus diesem Prozeß der Auflösung der alten Gemeinde eine neue, frische Gestaltung, ein neues, verjüngtes Gemeindeleben und die Freiheit der religiösen Bewegung hervorgeht, dann wollen wir nicht allein guten Muthes sein, dann wollen wir sie vielmehr freudig begrüßen, dann wollen wir anerkennen, daß sie noch zur rechten Zeit gekommen, bevor die innere Verwesung so überhand nahm, daß nichts Gesundes mehr übrig geblieben. Leget Hand an zur rechten Zeit. Frisch, frei und fromm!

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